Vorstand reagiert mit Betroffenheit

Auch die 1778 gegründete Kampsträter Nachbarschaft, mit 229 Jahren die älteste in Herdecke, stellt sich nach eigener Aussage ihrer Vergangenheit. Sie teilt mit:

„Mit Betroffenheit hat die Kampsträter Nachbarschaft erfahren, dass der jüdische Kaufmann Moritz Blumenthal 1933 als Obernachbar offensichtlich zum Rücktritt aus seinem Amt gezwungen wurde. Seine frühere Wahl zum Vorsitzenden hatte mehrheitlich das Vertrauen seiner Mitglider vorausgesetzt. Daran wird sich bis zuletzt nichts geändert haben. Ein Motiv für den Druck zum Amtsverzicht lässt sich dem Protokolltext nicht entnehmen. Das wird nur klarer, wenn man sich der politischen Vergangenheit erinnert.

Kein Nachruf im Protokollbuch

Ausgangspunkt war das Ermächtigungsgesetz vom 20. März 1933. Mit ihm wurde das Führerprinzip umgesetzt, und zwar auf allen Ebenen, von der politischen Spitze bis zu den Vereinen. Der Vorsitzende eines Vereines wurde ,entsprechend der Gleichschaltung neu gewählt’. Das geschah in Deutschland flächendeckend innerhalb weniger Monate.

Ein prominenter Fall ist der jüdische Kaufmann Kurt Landauer. Obwohl er den FC Bayern München nach jahrelanger Aufbauarbeit 1932 zum ersten Deutschen Meistertitel geführt hatte, zwang man ihn 1933 zum Rücktritt.

Die in Herdecke, München und anderswo praktizierten Rücktrittsformen machen auch nach über 80 Jahren erschreckend deutlich, wie unwürdig und verletzend sich das Ende demokratischer Prozesse in Deutschland inszeniert hat. Das gilt auch für die Form, wie die Kampsträter Nachbarschaft 1935 mit dem Tod des 85 Jahre alten ehemaligen Obernachbarn umging. Das Protokollbuch erhält keinen Nachruf.

Dem heutigen Vorstand waren diese Fakten bisher nicht bekannt, zumal die alten Protokolle in Sütterlinschrift verfasst und in der Nachkriegs nie gründlich entziffert worden sind.“