Vom Angeklagten fehlt jede Spur

«Justitia», Göttin der Justiz und der Gerechtigkeit
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Foto: dpa
Zwei Mal war ein 69-jähriger Herdecker ohne Führerschein unterwegs, ein Mal flüchtete er nach einem Unfall. Und seit zwei Jahren fehlt von ihm vor Gericht jede Spur.

Herdecke..  Zwei Fahrten ohne Führerschein und eine Unfallflucht in Herdecke raubten der Justiz und sieben Zeugen jede Menge Zeit. Immer wieder sollte der Fall des 69-jährigen Fahrers verhandelt werden, stets fehlte von dem Angeklagten und seinem Verteidiger jede Spur. Jetzt, nach knapp zwei Jahren, machte das Amtsgericht Wetter im wahrsten Sinne des Wortes kurzen Prozess.

Aufmerksame Schülerinnen

Die beteiligten Zeugen und Richter Heinz-Dieter Beckmann dürfte unweigerlich das Gefühl beschlichen haben, sich in einer Art Zeitschleife zu befinden. Vielleicht waren sie auch an den Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert, in dem ein Mann den gleichen Tag immer wieder aufs Neue erlebt. Dabei war das, was dem 69-Jährigen zur Last gelegt wurde, noch nicht einmal besonders spektakulär. Anfang März 2013 befuhr der umfangreich und einschlägig Vorbestrafte den Kirchender Dorfweg und beschädigte dabei laut Anklage ein anderes Auto. Wohl wissend, dass er ohne Führerschein nicht hätte fahren dürfen, habe er schnell das Weite gesucht. Zwei Schülerinnen aber beobachteten den Vorfall und informierten den Besitzer des beschädigten Wagens. Einen Monat später sah eine der Schülerinnen den Angeklagten erneut – wieder hinter dem Steuer seines Wagens. Diesmal konnte sie sich das komplette Kennzeichen merken.

Für die erste Fahrt und die Unfallflucht wurde der 69-Jährige daraufhin per Strafbefehl zu 3200 Euro Geldstrafe, drei Monaten Fahrverbot und neun Monaten Sperrfrist zur Neuerteilung einer Fahrerlaubnis verurteilt.

Er legte Einspruch ein – und damit begann die Odyssee. Mehrfach sollte die Sache verhandelt werden, nie erschien der 69-Jährige. Vielmehr schickte er Atteste von seinem Arzt, die ihm bescheinigen sollten, dass er nicht in der Lage sei, an dem Prozess teilzunehmen, obgleich er zumindest in einem Fall anschließend von einer Zeugin putzmunter in seinem Geschäft in Herdecke gesehen wurde.

Fünfter Anlauf

Derweil versuchte der Verteidiger, Richter Heinz-Dieter Beckmann mit einem Befangenheitsantrag, einer Dienstaufsichtsbeschwerde und einer Strafanzeige wegen Geheimnisverrats mürbe zu machen – nachdem er zuvor einen zur Sorgfalt mahnenden Brief an den Arzt des Seniors geschickt hatte. Das Ansinnen des Anwalts scheiterte.

Jetzt nahmen das Gericht und die sieben Zeugen einen fünften Anlauf. Erneut blieb die Anklagebank leer; diesmal machte sich der 69-Jährige nicht einmal mehr die Mühe, sein Fehlen im Vorfeld mit einem Attest anzukündigen.

Folge: Der Einspruch gegen den Strafbefehl für die erste Fahrt ohne Führerschein mit Unfallflucht wurde verworfen, damit war das Urteil rechtskräftig. Zudem erließ das Gericht einen weiteren Strafbefehl für die zweite Fahrt ohne Führerschein. Hier wurde der Angeklagte zu drei Monaten Haft auf Bewährung und zusätzlichen 18 Monaten Sperrfrist zur Neuerteilung einer Fahrerlaubnis verurteilt. Offen ist, ob er auch gegen diesen Strafbefehl Einspruch einlegen möchte.