Toter Körper seiner Schwester rettet Herbert Sabiers’ Leben

Herbert Sabiers überlebte einen Granatbeschuss zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Wetter, da der tote Körper seiner Schwester ihn bedeckte. Sie und sein Bruder starben am 14. April 1945 in diesem Haus in der Trappenstraße.
Herbert Sabiers überlebte einen Granatbeschuss zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Wetter, da der tote Körper seiner Schwester ihn bedeckte. Sie und sein Bruder starben am 14. April 1945 in diesem Haus in der Trappenstraße.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Das Ende des Zweiten Weltkriegs: Herbert Sabiers überlebt am 14. April 1945 in Wetter einen Granatenbeschuss, seine zwei Geschwister nicht.

Wetter..  Leben und Tod dicht aufeinander. Am frühen Abend des 14. April 1945, als der Krieg in Wetter nach der Übergabe der Stadt an die Amerikaner einen Tag zuvor eigentlich vorbei ist, spielen drei kleine Kinder im Dachgeschoss einer Wohnung in der Trappenstraße. Dann schlägt eine Granate, vermutlich aus Volmarstein über die Ruhr abgeschossen, durch die Decke. Ein Mädchen und ein Junge sterben, der Jüngste der Geschwister überlebt, da seine Schwester auf ihn fällt und ihn mit ihrem toten Körper schützt.

Herbert Sabiers wirkt gefasst, wenn er über dieses fast unfassbare Geschehen vor exakt 70 Jahren berichtet. Er ist damals ein Jahr alt und überlebt auf wundersame Weise ein Ereignis, das die Sinnlosigkeit eines quasi beendeten Krieges beinahe unbeschreiblich deutlich dokumentiert. An jenem Tag verliert er seine beiden Geschwister Gertrud und Gerhard. „Ich bin mit ein paar Schrammen davon gekommen. Ich kann mich nur daran erinnern, wie später dann das Dach wieder eingedeckt wurde“, sagt er heute vor jenem Haus, das damals wohl versehentlich beschossen wird.

Nicht das einzige Leid für die Familie im Zweiten Weltkrieg. Vater Richard Sabiers gilt als vermisst, da er 1945 von einem Feldzug aus Russland nicht zurückkehrt. „Die letzte Nachricht von ihm stammt vom 14. Januar“, so Herbert Sabiers. Seine Mutter Frieda muss Wochen später miterleben, wie ein paar Meter von ihr entfernt ihre zwei Kinder sterben. „Ich habe keine Erinnerungen an die Kriegszeit, kenne diese nur aus Erzählungen von meiner Mutter, meiner Tante Martha und meinem Onkel Rudolf.“ Deren Schilderungen decken sich mit der von Dietrich Thier herausgegebenen Kriegschronik für die Stadt Wetter, in der Gustav Ebert am Abend des 14. April 1945 den Beschuss von jenseits der Ruhr auf die Zeit nach 18 Uhr datiert.

Flucht aus Posen

Familie Sabiers stammt aus Punitz in Posen. Mit dem Vorrücken der Alliierten verlassen auch die Sabiers ihre Heimat. „Am 20. Januar 1945 sind wir mit meinen Großeltern, mit Pferd und Wagen geflohen“, erzählt Herbert Sabiers. Er, seine Geschwister und die Mutter kommen in einer Demag-Werkswohnung bei ihrer jüngsten Schwester in Wetter unter.

Nach jenem schicksalhaften 14. April „hat meine Mutter mir über meine Geschwister erzählt, dass es liebe, hübsche Kinder gewesen seien. Ihr Tod hat sie ein Leben lang bedrückt, sie hat oft geweint.“ Sie spricht bis zu ihrem Tod 1983 wenig über ihren Verlust, besucht ihre am 17. April 1945 bestatteten Kinder oft auf dem Friedhof. Als das Grab nach 25 Jahren aufgelöst wird, sagt Frieda Sabiers: „Jetzt habe ich zum zweiten Mal meine Kinder verloren.“ Der einzig verbliebene Sohn begleitet sie ungern zum Friedhof. „Als Kind wollte ich lieber schwimmen gehen. Mich hat eher bedrückt, dass ich ohne Vater aufwuchs.“

Angesichts der kleinen Rente der Mutter, die als Haushaltshilfe und Putzfrau Geld verdient („Sie hat geschuftet wie ein Pferd“), erinnert sich Herbert Sabiers an ärmliche Verhältnisse in jener Zeit. Schon im Krieg haben Nachbarn den Flüchtlingen aus Posen Mobiliar für die kleine Dachgeschosswohnung in der Trappenstraße geschenkt. „Ich habe dennoch eine schöne Kindheit in Wetter gehabt.“ Als er seine Lehre zum Stahlbauschlosser beginnt, geht es der Familie besser.

Sabiers selbst erzählt all dies ohne Groll, ohne Verbitterung. Er hat die Geschehnisse verarbeitet, wohnt heute sogar mit seiner Frau nach einigen Stationen in Wetter wieder am Harkortberg und somit in Reichweite des damaligen Dramas. Zweimal hat er mittlerweile auch seine Geburtsstadt nahe Posen besucht. Dort hat er erfahren, dass die Sabiers dort beliebt gewesen seien. „Mein Vater soll als SA-Mann Polen vor den Nazis versteckt haben.“

Nirgends dokumentiert

Am Jahrestag oder in Berichterstattungen über den Zweiten Weltkrieg wird er an das Schicksal seiner Familie erinnert. „Der Tod meiner beiden Geschwister taucht in keiner Dokumentation über das Kriegsgeschehen in Wetter auf“, so Sabiers. „Vielleicht liegt das daran, dass wir Flüchtlinge gewesen sind. Dabei liegt eine Meldebescheinigung vor.“

Ihm ist wichtig, dass man seine Schwester und seinen Bruder bei den Kriegstoten nicht unterschlägt, da sie wohl die letzten Opfer auf Wetters Stadtgebiet seien. „In keinem historischen Bericht, noch im als Buch veröffentlichten Kriegstagebuch wird der Kriegstod meiner Geschwister je erwähnt, auch bei der Aufzählung der örtlichen Kriegstoten unwissentlich verschwiegen“, sagt der 71-jährige. „In den Sterbeurkunden werden meine Geschwister mit der Todesart ‘gefallen’ bezeichnet.“ Eine lapidare Bezeichnung für das Drama vom 14. April 1945 in der Trappenstraße 7.