Strommasten wachsen in Herdecke in den Himmel

Amprion-Sprecher Claas Hammes (2.v.re.) diskutiert mit Bürgern und Politikern über die neue Höchststromleitung.
Amprion-Sprecher Claas Hammes (2.v.re.) diskutiert mit Bürgern und Politikern über die neue Höchststromleitung.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Weniger, aber dafür höhere Masten will Amprion beim Ausbau der Stromtrasse Dortmund-Frankfurt zur Höchststromfreileitung nutzen. Viele Anwohner sind nicht begeistert von den Plänen.

Herdecke..  Einen 87 Meter hohen Mast, möglicherweise rot und weiß gestrichen mit blinkenden Lichtern am oberen Ende, wird Familie Garthe demnächst dort sehen, wo bislang der Blick noch ins weite Grün geht. „Jetzt ist der Blick schön, dann nicht mehr“, sagt Dirk Garthe, und er weiß, wovon er spricht. Denn der Herdecker muss seinen Kopf nur ein wenig drehen und schaut schon jetzt auf vier Strommasten, nicht ganz so hoch, die auf der gemeinsamen Trasse stehen, auf der Amprion, Deutsche Bahn und AVU Strom über die Herdecker Höhen führen.

Zahlen, Karten und Fakten

Mit dem Ausbau der Stromtrassen von Nord nach Süd will der Bund nun den Einsatz von erneuerbaren Energien fördern. Amprion will im Zuge des Netzausbaus eine Höchststromleitung von Dortmund nach Frankfurt führen. 380 000 Volt beträgt die Spannung dann statt der bislang üblichen 220 000 Volt. „Wir müssen die Masten höher bauen, auch weil wir zwei Leitungen auf einem Mast unterbringen wollen“, erläutert Claas Hammes, für die Projektkommunikation verantwortlich.

Gut 60 Besucher konnte Hammes nun in der Aula des Gymnasiums beim Info-Markt begrüßen. 12 Amprion-Experten standen fürs Gespräch bereit, Zahlen, Karten und Fakten waren an Infotafeln vorbereitet. So wie Dirk Garthe und Siegrid Gördes, die beide den neuen 87-Meter-Masten in die Aussicht gestellt bekommen, waren viele Anwohner vom Semberg und Schraberg und den umliegenden Wohnvierteln gekommen, um zu sehen, ob sie von den Um- und Neubauten betroffen sind.

40 statt 179 Masten auf der Strecke von Dortmund-Kruckel bis Garenfeld, mit dieser Zahl versuchten die Amprionmitarbeiter bei dem Info-Treffen zu punkten. Auch in Herdecke fallen Maststandorte weg, doch es kommen auch neue hinzu. Zudem bleiben die Strommasten der Bahn und der AVU stehen. „Im Sauerland haben wir teilweise die Leitungen der Bahn mit auf unsere Masten genommen“, erläutert Projektleiterin Sylvia Kraus. Im Bereich Herdecke habe die Bahn daran kein Interesse, weil sie keinen Erneuerungsbedarf bei ihren Masten sieht. Und auch die AVU-Leitungen hängen auf vergleichbar neuen Masten. „Da wäre ein Umbau zu teuer“, so Kraus.

Amprion reduziert die Zahl der Masten zwar drastisch, lässt sie aber auch mächtig in die Höhe wachsen. Der 87-Meter-Mast im Blickfeld der Garthes ersetzt zwei Masten, die gerade einmal 34 Meter in die Höhe ragen. „Die meisten Maste sind aber nur zwischen 50 und 60 Meter hoch“, betont Claas Hammes.

Die Masthöhe bedingt sich durch die Menge der Leitungen, die aufgehängt werden und auch die notwendigen Abstandsflächen nach dem Immissionsschutz. „Außerdem müssen wir höhere Masten bauen, wenn wir die Anzahl reduzieren wollen“, so Hammes. Sonst würden die Seile, die weiter durchhängen, zu nah an den Boden reichen.

Mindestabstand

Doch es sind nicht nur Stahlseile, die dort von Mast zu Mast gezogen sind. Sie transportieren Strom bilden so elektromagnetische Felder. Gegen die müssen Anwohner geschützt werden. Also hat der Gesetzgeber Mindestabstände zur Wohnbebauung vorgegeben.

Ralf Notz schätzt, dass es knapp 150 Meter sind, die zwischen seiner Wohnung und der neuen, höher hängenden Leitung liegen. Und der Herdecker fürchtet, dass sich mit der Erhöhung der Spannung und der Bündelung von mehreren Leitungen auf einem Mast die Belastung durch so genannten Elektrosmog erhöht. In Spitzenzeiten erhöhe sich zudem noch die Spannung gegenüber dem Normwert von 380 bzw. 220 Kilovolt. „Warum legen Sie keine Erdkabel, in Hessen geht das doch auch“, fragt er den Amprion-Experten.

Kein Erdkabel

Zu teuer, ist ein Argument, das Amprion-Mitarbeiter Jörg Piotrowski dagegen anführt. Und: „Der Graben müsste 36 Meter breit und entsprechend tief sein, um die Amprion-Leitungen sowie die beiden Fremdleitungen von AVU und Bahn aufzunehmen.“

Zudem sei es so, dass die Belastung durch elektromagnetische Felder sich nicht verdoppele, wenn man zwei Leitungen übereinander hänge. „Alle Grenzwerte werden eingehalten und sogar unterschritten“, betont auch Claas Hammes. So richtig überzeugt wirkt Ralf Notz nicht. „Wohnen Sie neben einer solchen Leitung“, fragt der den Amprion-Mitarbeiter. Die Antwort: „Zum Glück nicht“,