Respekt und Würde für die Ärmsten

Gevelsberg..  Holger Brandenburg lehnt sich zurück, schaut etwas nachdenklich und sagt dann einen Satz, der in diesem Zusammenhang erst einmal sacken muss: „Hätte ich im November mit einer solchen Idee ein Unternehmen gegründet, müsste ich mir um meine Rente wohl keine Sorgen mehr machen.“ Doch an „Unsichtbar“ verdienen er und seine Mitstreiter keinen Cent. Im Gegenteil: Jeder Sekunde ihrer Zeit investieren die Mitglieder des jungen Vereins in Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, die das Vertrauen in die Solidargemeinschaft verloren haben und die ein Leben außerhalb der Gesellschaft führen – die unsichtbar leiden.

Binnen kürzester Zeit ist das Projekt, das im Gevelsberger Wohnzimmer Brandenburgs überschaubar begann, zu einer Institution herangewachsen, die die Macher auf immer mehr Füße stellen und zunehmend professionalisieren. „Am Anfang wusste ich gar nicht, ob ich meinen Rucksack jeden Abend gefüllt bekommen, um den Obdachlosen warme Anziehsachen zu bringen. Heute reicht unser Platz im Lagerraum kaum aus, um all die Spenden zu lagern und zu sortieren“, sagt Brandenburg. Und Heidi Holstein-Glasmacher ergänzt: „Wir suchen eine Halle, eventuell mit angeschlossenem Büro. Bestenfalls erwächst daraus ein Begegnungsraum.“

Zusätzlich haben die Verantwortlichen den großen Wunsch, in einer solchen Halle auch Möbel zu lagern. „Wir wollen keinem Sozialkaufhaus Konkurrenz machen“, betonen Holger Brandenburg und Heidi Holstein-Glasmacher unisono. Ihr Konzept: Jeder soll hierherkommen dürfen und sich Möbel aussuchen können – ohne Preisschild. „Wir hätten gern eine Spende. Ob ein Euro, zehn Euro oder wie viel auch immer ist, kann jeder selbst entscheiden“, sagt Brandenburg, der mit seinem Vorstandsteam aber noch etliche weitere Pfeile im Köcher hat.

Dunkelziffer der Ärmsten

Denn Menschen, die die Hilfe von „Unsichtbar“ dringend nötig haben gibt es auch im Ennepe-Ruhr-Kreis mehr als man vermutet. „Wir konzentrieren uns ja nicht nur auf Menschen, die bereits auf der Straße leben, sondern auf jeden, der unterhalb der Armutsgrenze lebt“, sagt Holger Brandenburg. Ein Blick in den Armutsbericht des EN-Kreises zeigt: Unter die Armutsgrenze fallen in Schwelm 11 Prozent, in Gevelsberg 10,4 Prozent und in Ennepetal 8,3 Prozent. „Man muss dazu sagen, dass das Zahlen sind, die sich die Städte von Sozialämtern und der Arbeitsagentur holen Die Dunkelziffer derer, die nicht bei den Ämtern gemeldet sind und dennoch unter der Armutsgrenze leben, erscheint in den oben genannten Angaben nicht“, sagt Heidi Holstein-Glasmacher.

Hier setzt ein weiteres Projekt an: Bis zu 10 000 Fragebögen will der Verein verteilen, in denen die Lebenssituation der Menschen abgefragt wird. „Das basiert natürlich auf Vertrauen und Menschen, die von den Ämtern, von den Mitmenschen enttäuscht sind, sollen wissen, dass wir ihnen ehrlich helfen wollen“, sagt Holger Brandenburg, der hofft, aus dieser Umfrage Zahlen ziehen zu können, die die Realität widerspiegeln – was Obdachlosigkeit, aber auch Altes- und Kinderarmut anbelangt.

Maxime bei allem: Jeden Menschen würde- und respektvoll behandeln und auf Augenhöhe mit ihnen sprechen. Nur, die Leute zu finden ist oft nicht einfach. „Die gehen nicht auf die Kirmes, weil sie sich gar kein Bier leisten können. Sie sind raus aus dem gesellschaftlichen Leben“, sagt Brandenburg. Eine harte Erkenntnis, für die der Verein die Menschen in den neun Städten des EN-Kreises sensibilisieren will. So nimmt die lange geplante Arbeit in den Schulen Fahrt auf. Die Schüler der neunten Klassen des Reichbachgymnasiums in Ennepetal sind die ersten, die die Unsichtbar-Macher besuchen.

Dankeschön an Unterstützer

„Es geht voran, und wir möchten auch noch einmal Danke sagen an alle Unterstützer, die uns so selbstlos helfen“, sagten die beiden, denen jedoch eine Sache noch leichte Kopfschmerzen bereitet: Geldspenden. „Wir sind bei jeder Bank und Sparkasse vor Ort abgeblitzt mit unserer Frage nach einem kostenlosen Spendenkonto. Die Skatbank – ein Online-Institut aus Thüringen – macht das nun möglich. „Das ist unglaublich wichtig für uns, denn an einem Konto hängt ein ganzer Rattenschwanz, der sich ohne Bankdaten gar nicht auflösen lässt“, sagt Holger Brandenburg, dem die Ideen noch lange nicht ausgegangen sind.