Pilotin steuert Segelflieger mit nur einem Arm

Herdecke..  Mal wieder die Welt von oben sehen. Daran denkt die 75-jährige Marlies Schober, wenn sie in den Himmel schaut. Immer wieder lacht sie, während sie Hand in Hand mit ihrem Mann Eberhard über den alten Flugplatz geht, auf dem sie an die hundert Male als Pilotin mit dem Segelflieger abgehoben ist. Sie zeigt mit ihrem rechten Arm auf die Stellen, an denen sie mit dem Flieger gestartet ist und erzählt so detailliert davon, als wäre sie erst gestern das letzte Mal über den Wolken gewesen. Sie versteckt ihren linken Arm im Ärmel ihrer Jacke. Es ist ein kurzer Arm, der an den eines Kindes erinnert.

Mit dem Segelflieger über den Wolken sein klingt noch heute verlockend für Marlies Schober, doch diese Zeiten sind für sie vorbei. „Heute bleib ich lieber auf dem Boden, aber nicht, weil ich das Fliegen nicht liebe oder wegen meiner Behinderung, sondern weil ich Angst um meine alten Knochen habe“, sagt die 75-Jährige und lacht. Auf die Frage, wie es zu ihrer Behinderung kam, antwortet sie mit ruhigen Worten. Mit zwölf Jahren stürzte sie an einem Wintertag auf dem Weg zur Schule. Dabei brach sie sich ihren Arm, der sofort im Krankenhaus behandelt wurde. Was keiner ahnen konnte: Die Nerven wurden durch den Sturz so stark verletzt, dass der Arm nicht mehr weiter wuchs. Erst nach und nach spürte sie, dass es nie wieder so sein würde wie vorher. Marlies Körper wuchs weiter, doch ihr Arm blieb unverändert und erinnert an einen kleinen Kinderarm.

Es war anfangs eine schwere Zeit für Marlies Schober. „Von einem Tag auf den anderen hatte ich nur noch einen Arm. Seit dem Sturz konnte ich den anderen nie wieder bewegen. Schuhe binden, Anziehen und Schreiben waren Dinge, die ich wieder neu erlernen musste.“ Und in Momenten der Verzweiflung wurde sie von ihrer Familie stets ermutigt, weiter zu machen. „Mir wurde gesagt, dass nichts unmöglich sei und so setzte ich mir in den Kopf, irgendwann das Segelfliegen zu lernen.“

Diese Vorstellung ließ Marlies in ihrer Jugend auch nicht mehr los und sie wollte sich unbedingt beweisen, dass sie das schaffen kann. „Als ich dann, wie die meisten meiner Freundinnen, mit 18 meinen Autoführerschein in der Tasche hatte, wusste ich, dass ich zu allem fähig bin“, erzählt Marlies stolz. Immer und immer wieder sprach Marlies den Fluglehrer an, ob sie nicht mitfliegen könne. Dann nahm er sie schließlich mit und sie wollte das Fliegen nie wieder missen.

Um Flugstunden gebettelt

„Ich bettelte ihn an, mir Flugstunden zu geben und erzählte ihm, dass ich es auch beim Autofahren schaffe, Lenken und Kuppeln nur mit einem Arm zu koordinieren.“ Es kostete Marlies Tage und Monate, den Fluglehrer zu überzeugen, es mit ihr zu versuchen. „Wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hatte, wollte ich mein Ziel immer erreichen.“

Mit Hilfe eines für sie angepassten Cockpits schaffte sie es schließlich, den Segelflieger selbst steuern zu können. Während ihrer Flugstunden lernte sie auch ihren Mann Eberhard kennen, der bis heute an ihrer Seite ist. „Ihr Ehrgeiz hat mir sehr imponiert und ich habe sie wegen ihres Armes nie als eine Behinderte gesehen. Ihr Arm sieht halt anders aus als bei Anderen, aber für mich war sie schon immer eine schöne Frau“, erzählt ihr Mann Eberhard, der nun seit über 50 Jahren an Marlies’ Seite ist.

„Ich habe genau so viel Spaß in meiner Jugend gehabt wie meine Freundinnen. Wir gingen einkaufen, abends aus und in die Tanzschule“, sagt sie und lacht, als erinnere sie sich an besonders schöne Momente. „Nur das Tragen der Einkaufstaschen bereitete mir Schwierigkeiten, aber das übernahmen meine Freundinnen, und den Service habe ich auch in vollen Zügen genossen!“, ergänzt sie schmunzelnd. Sie wollte immer das machen, was ihre Freunde auch gemacht haben. „Ich hatte immer Menschen um mich, die mir gezeigt haben, dass ich auch mit meiner Behinderung alles schaffen kann. So brachte meine Lehrerin einen riesengroßen Briefbeschwerer mit zur Schule, der mir das Schreiben ermöglichte, ohne dass mein Heft wegrutschen konnte.“

Schon während der Schulzeit wusste Marlies, dass sie später Lehrerin werden möchte. Aber von Lehrern und Studienkollegen hörte sie, dass sich die Kinder über ihre Behinderung lustig machen würden und haben ihr abgeraten. Marlies jedoch wollte selbst herausfinden,wie es mit einer Behinderung ist, vor Grundschulkindern zu stehen und beendete ihr Studium erfolgreich.

Neue Herausforderung

„Wie die Reaktion der Kinder war? Unvergesslich!“, sagt sie mit einem stolzen Lächeln auf den Lippen. „Sie waren neugierig, fragten vorsichtig, warum der Arm so aussieht und ich erzählte ihnen einfach von meinem Sturz.“

Nach vielen Jahren als Lehrerin und schließlich als Schuldirektorin suchte Marlies im Ruhestand nach einer neuen Herausforderung. „Ich schaute öfter meiner Freundin beim Nähen über die Schulter, und irgendwie hat es mich fasziniert zu sehen, was man aus ein paar Stoffresten noch so machen kann. Beim Patchwork näht man verschiedene Stoffe aneinander, die am Ende ein wunderschönes Muster ergeben“. Nadeln, dünne Fäden und vor allem mit einer Nähmaschine umzugehen war Marlies anfangs nicht geheuer. „Ich ging in verschiedene Läden, die Nähmaschinen verkauften und informierte mich, welche Möglichkeiten es gibt, eine Nähmaschine behindertengerecht zu machen“.

Trubel hält jung

Sie erzählte ihrem Mann von der Idee, mit Patchwork anzufangen und auch er war begeistert und half, die Ausstattung zu besorgen. „Und da saß ich dann im Patchwork-Kurs neben meiner Freundin, die es kaum abwarten konnte, mit mir gemeinsam tolle Decken, Kissen und Bezüge zu nähen“, erzählt die pensionierte Schulleiterin.

„Ich musste in meinem Leben schon so manches mitmachen“, sagt sie mit einem Grinsen und erzählt von ihren Erlebnissen auf der Skipiste, von der sie sich bis ins hohe Alter nicht trennen konnte. Sie und ihr Mann haben ein Haus in der Schweiz, in dem sie jedes Jahr mehrmals Urlaub machen. „Seitdem eines unserer Enkelkinder das Skifahren für sich entdeckt hat, sind wir auch ab und zu wieder auf der Piste unterwegs. Aber nur, um unseren Enkel zu begleiten. Die turbulenten Zeiten auf den Skiern haben Eberhard und ich hinter uns“.

Daheim in Herdecke leben sie in einem gemütlichen Häuschen, bekommen oft Besuch von Kindern und Enkeln. Und obwohl Marlies mittlerweile 75 Jahre alt ist, genießt sie den Trubel um sich rum. Immer unterwegs sein und mit der Jugend leben, das hält sie jung und macht sie vor allem glücklich.