Olympisches Gold ganz fest im Blick

Wetter..  Seit seiner Geburt kämpft Jochen Wollmert gegen die Versteifung seiner Hand- und Fußgelenke an. Mediziner sagen, die Krankheit beginnt bereits in den ersten Schwangerschaftswochen. „Damals hat man das noch nicht alles sehen können. Meine Eltern erfuhren erst kurz nach der Geburt davon“, erklärt er und fügt hinzu: „In jungen Jahren konnte man diese Versteifung auch nicht so extrem sehen wie heute.“ Seine ersten drei Jahre waren geprägt von ständigen Arztbesuchen und Operationen.

„Mindestens zehn Mal wurde ich operiert, wahrscheinlich noch öfter. Aber so ganz genau weiß ich das gar nicht.“ Die Ärzte versuchten immer wieder, die versteiften Gelenke zu richten. Zum Teil mit Erfolg – jedenfalls bei seinen Füßen, die damals nach innen standen und nicht nach vorn. Zum Teil weniger erfolgreich: „Die Eingriffe an meinen Händen und Armen haben gar nicht funktioniert.“ Probleme in der Schule hatte Jochen nie. „An Hänseleien oder blöde Sprüche kann ich mich kaum erinnern.“ Es war in einem Urlaub mit seinen Eltern, als er das erste Mal merkte, dass er anders als andere läuft und seine Hände bewegt. „Da war ich zwischen acht und zehn Jahre alt. Es war vergleichbar mit dem Augenblick, in dem man das erste Mal die eigene Stimme vom Band hört. Man erkennt: Es ist nicht so, wie man dachte.“

Eingeschränkt fühlte er sich durch seine Behinderung aber nie. Auch der Führerschein war kein Problem. Schwierigkeiten führt er eher augenzwinkernd an: „Ich kann meinen rechten Arm nicht so gut bewegen. Beim Duschen komme ich nicht unter die linke Achsel.“ Seine Lösung des Problems: „Ich mache Shampoo auf mein Knie und drücke es dann hoch unter die Achseln.“ Er lacht.

In seiner Jugend hat Jochen viele Sportarten ausprobiert. „Ich war immer dabei. Egal, welchen Sport meine Freunde trieben, ich wollte mitmachen.“ Allerdings immer nur als Hobby. Mit 17 Jahren ist er dann beim Tischtennis gelandet. Ein Freund überredete ihn dazu. „Erst spielte ich bei den Nicht-Behinderten.“ Denn Jochen hält den Schläger in seiner rechten Hand wie andere auch. Doch er spielt nur mit der Rückhand. Anders geht es nicht. Ab Mitte der achtziger Jahre suchte er nach Möglichkeiten, im Behindertensport zu spielen. „Das war gar nicht so einfach. Man konnte nicht einfach im Internet nach Vereinen oder Verbänden suchen.“

Paralympics für die Primetime

Bei seiner ersten Deutschen Meisterschaft wurde er auf Anhieb Vierter. „Da wusste ich, dass ich noch mehr erreichen kann.“ Dass er allerdings so viele Erfolge verbuchen kann, hätte er nicht zu träumen gewagt. 1992: Paralympics in Barcelona. Jochen ist zum ersten Mal dabei. Bei der Eröffnungsfeier in das Olympiastadion einzulaufen, ist ein unbeschreibliches Erlebnis. „Es war eine Riesenehre und ein unglaubliches Gefühl. Das vergisst man niemals.“ Größer ist nur das Gefühl, ganz oben auf dem Podest zu stehen und die deutsche Nationalhymne zu hören. „Das kann man nicht fassen. Das kommt erst ein paar Wochen später.“ Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, wenn er davon spricht. Trotz der vielen Erfolge sieht Jochen Tischtennis als sein Hobby an. „Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich verliere auch keine Förderungen, wenn ich mal keine Lust mehr habe oder schlecht spiele.“ Allerdings auch deshalb, weil es keine oder nur geringe Förderungen für Spitzensportler mit Behinderungen gibt, anders als bei den Nicht-Behinderten. Für Jochen kein Grund, neidisch zu sein.

„Ich will gar nicht so im Mittelpunkt stehen wie etwa ein Timo Boll. Ich bin froh darüber, so wie es ist.“ Streng genommen ist Jochen erfolgreicher als Timo Boll: Seit 1992 hat er insgesamt zehn paralympische Medaillen gewonnen.

Unterstützung erfährt er allerdings von seinem Arbeitgeber, einem großen deutschen Versicherer: „Ich bekomme fünf bis zehn Urlaubstage mehr, je nachdem, wie viele Wettkämpfe in dem Jahr anstehen. Ansonsten würden die vielen Reisen zu Weltmeisterschaften oder Paralympics nicht funktionieren.“

Der Ausgleich zur Arbeit und zum Tischtennis ist seine Familie. Hier kann der Familienvater abschalten. „Natürlich haben mich meine Kinder gefragt, warum ich so komisch laufe. Ich habe es erklärt, damit hatte sich das Thema dann auch erledigt.“ Bevor Jochen die Gründung einer Familie plante, stand erst mal der Gang zum Arzt an. „Ich wollte wissen, wie groß das Risiko ist, dass meine Kinder ebenfalls behindert sein könnten. Der Arzt nahm mir jegliche Bedenken.“ So ist er mittlerweile glücklicher Vater von drei gesunden Kindern. Jochen bekam schon verschiedene Fair-Play-Preise, zum Beispiel den des Deutschen Sports und den Baron de Coubertin-Award, die weltweit höchste Würdigung für faires Verhalten im Sport. „Natürlich bedeuten mir diese Preise viel. Allerdings wundere ich mich, dass solche Auszeichnungen vergeben werden. Es sollte selbstverständlich sein, dass Sportler fair sind.“ Auch wenn Jochen bei Behindertenmeisterschaften mitspielt, tritt er noch im Ligabetrieb der Nichtbehinderten an.

Die Paralympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro sind sein nächstes großes Ziel. Dort zum dritten Mal hintereinander Gold zu holen: „Das wäre ein Traum!“ Dies hat nämlich noch niemand geschafft.

Auch wenn Jochen seinen Sport als Hobby sieht, wünscht er sich, dass der Behindertensport mehr im Fokus der Öffentlichkeit steht. „Wir sind schon auf einem guten Weg mit den Sendezeiten. Dennoch wünsche ich mir, dass der Behindertensport nicht nur morgens, sondern auch mal in der Primetime läuft, damit er noch populärer wird.“