Notizbuch der Gerber als spannende Quelle

Herdecke..  Bis zu neun Lohgerber waren im 19. Jahrhundert in Herdecke tätig. Der Letzte, August Schäfer, verstarb 1951 im Alter von 95 Jahren in seinem Haus am Bachplatz 3. Mit ihm endete ein traditionsreicher Familienbetrieb. Zum Nachlass des letzten Gerbers gehört eine Kladde, in der vier Generationen Schäfer (Schaefer) Aufzeichnungen über Erwerb, Verkauf und Bearbeitungsprozesse von Tierhäuten zur Lederherstellung notiert haben. Das Dokument erweist sich bei näherer Untersuchung als hervorragende Quelle eines Handwerkbetriebes im 19. Jahrhundert.

Was da textlich nur stichwortartig und verknappt erscheint, liest sich zunächst wie ein Geheimcode, den es zu knacken gilt. So erscheinen beispielsweise 1846 insgesamt 110 Stck Buenos Ayres, 75 Stck Calcutta und 15 Stck Java. Alle Bezeichnungen beziehen sich auf den Import von Tierhäuten aus Übersee durch Angabe des jeweiligen Hafens in Südamerika oder Asien. Während Buenos Ayres (später Aires) die junge argentinische Hauptstadt kennzeichnete, gehörte Calcutta noch zur damaligen indischen Kronkolonie. Hier bestimmte die Britische Ostindien-Kompanie den Handel. In Java (Indonesien) war es der niederländische Staat.

Felle aus Übersee

Neben heimischen Rind-, Ochs- und Kuhfellen tauchen weitere Bezeichnungen auf, z.B. Wilde, Wildhäute, Pferdefelle, Ueberlanders Häute oder nur Überlander. Letztere könnten Rohwaren kennzeichnen, die nicht aus der heimischen Region oder auch aus Übersee stammten. Die Lohgerber Schäfer verarbeiteten die Felle laut Notizbuch an zwei Betriebsstätten, am Lohhause und in Stegmanns Hofe. Das Lohhaus lag direkt am Mühlengraben, heute südlich des Hauses Hengsteyseestraße 11 im Straßenbereich. Standort Stegmanns Hof umschloss früher das Areal entlang der heutigen Gerberstraße und grenzte an den Mühlengraben, jetzt Nr. 4-6 (Dornröschen). Zu beiden Betrieben gehörten Lohgruben in einer Größe von etwa drei Mal drei Metern und drei Metern Tiefe. Ausgekleidet waren die Becken mit großen Platten aus heimischem Ruhrsandstein.

Bevor die Rinderhäute in den Gruben gegerbt werden konnten, wurden auf dem Schabebaum Fleischreste und Fette vom Balg gelöst. Nach einem Bad in der Kalkgrube löste man anschließend die Haare und schabte die Tierhaut glatt. Die folgenden Arbeitsprozesse datiert das Schäfer-Dokument jeweils auf den Tag genau, um den Überblick zu behalten. Dreimal wurden die Häute in den Gruben mit gemahlener Eichenrinde (Lohe) lagenweise gestapelt und gewässert. Jede Lagerung, als 1. bis 3. Satz umschrieben, brauchte mehrere Wochen. Am Ende waren es insgesamt meistens 9 Monate oder mehr. Bei der Umlagerung von einer Grube in die nächste spielte die Menge der Lohe für die Gerbbrühe eine entscheidende Rolle. Allem Anschein nach wurde als Maßeinheit dabei die von den Eichen am stehenden Stamm abgeschälte Stück-Rinde angegeben. Die dazu verwendete Fach-Vokabel hieß Knubben (nd. Astknoten, knubbelig). So heißt es beispielsweise in einer Eintragung: 1828 5 Janry 6 Knubben 24 Ueberland Häute auf den 2ten (Satz).

Lokaler Marktführer

Für eine optimale kontinuierliche Arbeit benötigten die Lohgerber Schäfer möglichst viele Gruben. Ihre Zahl erhöhte sich am Lohhaus und im Stegmanns Hof von jeweils vier (1826) auf acht (1828). Bis 1860 waren am Lohhaus bereits zwölf Gruben in Betrieb. Die unmittelbare Nähe zum Mühlengraben gestattete eine Entnahme großer Wassermengen, die man zum Spülen und Wässern im chemischen Gerbvorgang brauchte. Nach dem letzten Waschgang trockneten die gespannten Häute an der Luft. Ältere Herdecker haben den Geruch noch in der Nase. Es stank penetrant. Die letzten Arbeitsgänge betrafen das Walzen, Glätten, Wachsen, Beschneiden oder Spalten (Spaltleder) des Materials. Dazu verschaffte eine pfiffige Idee den Lohgerbern Schäfer Vorteile. Während andere Betriebe in harten Wintern oder bei den üblichen Hochwässern nicht arbeiten konnten, war man bei Schäfer im Erdgeschoss des 1834 gebauten Wohnhauses am Bachplatz 1 tätig. Falls Hochwasser in die Werkstatt schwappte, transportierte ein Lastenaufzug das Rohleder ins Obergeschoss.

Kauf und Verarbeitung pro Jahr im Ortsvergleich lassen den Schluss zu, dass hier ein lokaler Marktführer tätig war. 1853 wurden allein 794 Kalb- und 990 Ochsenfelle zum Preis von 425 Taler und 83 Silbergroschen gekauft. Mit dem Ende des Kornmarkts und der wachsenden Industrialisierung konnte der letzte Gerber August Schäfer seine Arbeit ruhiger angehen. Jetzt diente dem Junggesellen das Notizbuch seiner Vorfahren auch für die Aufzeichnung von Rezepten. Da finden sich Tipps für Heilsalben aus Rosenblüten, Mittel gegen Husten oder Maul- und Klauenseuche sowie für ein Zuckergebäck für Weihnachten.