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Katja Strauss-Köster...

Noch immer auf dünnem Eis

12.02.2010 | 16:02 Uhr
Noch immer auf dünnem Eis

Vor 100 Tagen übernahm die parteilose Katja Strauss-Köster (39) als Bürgermeisterin die Macht im Herdecker Rathaus.

Folge des triumphalen Wahlsieges vom 30. August 2009, wohl auch Datum der bitteren Erkenntnis für die SPD, dass sie zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte im Rathaus und im Stadtrat der Ruhrstadt die zweite Geige spielen muss. Über diese 100 Tage seit Amtseinführung am 21. Oktober 2009 sprach Redakteur Roland Müller mit Katja Strauss-Köster.

Sie lächelt zur Begrüßung, und dieses Lächeln ist wohl längst zum Markenzeichen der Bürgermeisterin geworden. „Ernst kann ich auch”, sagt sie, aber auch das mit einem Lächeln.

Keiner sollte sich täuschen, gewinnt der Beobachter doch den Eindruck: Diese Frau weiß sehr wohl, dass die finanzielle Situation der Stadt, aber auch die politische Gemengelage nicht mit einem Lächeln zu lösen sind.

Klartext reden möchte sie schon, doch nach 100 Tagen bewegt man sich im Amt eben noch auf dünnem Eis, zu vorherrschend ist die Angst, dem einen oder anderen Alpha-Tier auf die Füße zu treten: „Nach dem sehr emotionalen Wahlkampf habe ich schon den Eindruck, dass nicht alle im normalen Tagesschäft angekommen sind.” Das kann die parteilose Katja Strauss-Köster so sagen, und ein jeder weiß, dass damit nicht nur die SPD gemeint ist. Und eine Warnung wird gleich nachgeschoben: „Die Probleme der Stadt sind so gravierend, dass alle an einem Strang ziehen müssen.”

Offen möchte die neue Bürgermeisterin sein, die versprochene Transparenz unter Beweis stellen, die Bodenhaftung nicht verlieren, ihren Beitrag zu einem besseren Klima im Rathaus beitragen und - überhaupt - für die Bürger da sein.

Da darf man gespannt sein, ob die freudige Zustimmung im Rathaus so bleibt wie zu Anfang der 100 Tage. Jetzt schickt die Bürgermeisterin einen „Controller” durch die Amtsstuben, der auf der Suche nach personellen und finanziellen Ressourcen fündig werden soll.

Und angesichts einer desolaten Haushaltslage, die wohl noch in diesem Jahr in einen „Nothaushalt” mündet, kündigt die Bürgermeisterin „Schweiß und Tränen” an. Keine Frage, körperliche Reaktionen dieser Art bewirken schon allein nackte Zahlen: Deckungslücke von acht Millionen Euro im Haushalt; notwendige Investitionen fürs Freibad 1,6 Mio. Euro und für den Straßenbereich 7,9 Mio. Euro; jährlicher Zuschussbedarf für die Musikschule 380 000 Euro; für das Freibad 300 000 Euro; Feuerwache-Anbau 1,7 Mio. Euro; Neubau Mensa 325 000 Euro; et cetera, et cetera.

Und die Fragen im Kleinen schließen sich gleich an: Muss die Stadt einen Thai Chi-Kurs oder einen Töpferkurs bezuschussen? Braucht die Stadt zwei Jugendzentren, die nach allgemeiner Einschätzung nicht voll ausgelastet sind? Können wir uns im Rathaus noch jedes Jahr zwei Azubis leisten?

Vorläufiger Befund der Bürgermeisterin nach innen und außen: „Manche Leute haben sich schon sehr eingerichtet.” Da wird es dicke, sehr dicke Bretter zu bohren geben, und ob sie die „Leute mitnehmen” kann, ohne ihnen dann doch auf die Füße zu treten, wird sich zeigen. Denn das zeichnet sich ab: Alles, aber auch wirklich alles kommt auf den Prüfstand. Und die eine oder andere Einrichtung darf sich schon mal den Angstschweiß von der Stirn wischen. Wird aus der Musikschule ein Verein, wird aus dem Freibad ein zweiter Verein? Was blüht den Mitarbeitern im Rathaus, wenn ihnen zur geleisteten Arbeit eine „wirkungsorientierte Analyse” vorgelegt wird, die bisher als Folterinstrument nur den Beschäftigten in der privaten Wirtschaft bekannt war?

Aus diesem Ansatz heraus entwickelt die Bürgermeisterin den Blick auf das Machbare und Finanzierbare, will hinterfragen, wo die Kommune im „Garten privater Anbieter wildert”.

Nichts aussitzen: „Lasse

mich nicht verbiegen”

100 Tage sind vorbei, zu früh für eine Bilanz, wohl aber geeignet für eine Bestandsaufnahme. Katja Strauss-Köster vermittelt spürbar den Willen, gegen die Finanzkrise anzukämpfen, nach kreativen Lösungen zu suchen und alte Zöpfe (dafür stand vor Jahrzehnten noch die FDP) abzuschneiden. Verschiedenen Ratschlägen , „das alles auszusitzen” will sie nicht folgen: „Ich lasse mich nicht verbiegen.”

Und genau daran wird man Katja Strauss-Köster in Zukunft messen müssen.

Roland Müller

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