Musik für die Ohren und für die Augen

Herdecke..  Das neue Jahr fing am Sonntagabend im Werner Richard Saal in der Reihe der Meister-von-Morgen-Konzerte vielversprechend an. Iskandar Widjaja, Violine, und Miki Aoki, Klavier, präsentierten ein Programm von Johann-Sebastian Bach bis George Gershwin.

Es war ein Hör- und Schauspielabend. Der junge Geiger gab seinem Spiel mit verzücktem Blick in den Bachschen Himmel, eleganten Körperschwingungen, wildem Lockenschütteln und Stampfen mit dem Fuß zusätzlich Ausdruck. Seine virtuose Technik mit rasendem Laufwerk und souveränen Mehrfachgriffen begeisterten das Publikum, aber nicht die „Profihörer.“

Brüche in den fließenden Linien des Adagio der Sonate E-Dur BWV 1016, plötzliches hauchzartes Piano nach gleichmäßigem Aufwärtssteigen, schneidend harte Akzente mit einem angehängten letzten „Drücker“, glissando-artig gezogene Intervalle waren Gags, die gut ankamen, aber den Stil Bachs verzerrten.

Die Pianistin als gleichberechtigte Partnerin blieb dagegen konsequent im barocken Duktus, was die Interpretationen auseinander driften ließ. Im „Adagio ma non tanto“ allerdings versanken beide in tiefer Romantik. Die berühmte Chaconne aus der Partita d-Moll BWV 1004 für Violine solo ist laut Schumann „eines der wunderbarsten, unbegreiflichsten Musikstücke.“

Geiger konnte sich austoben

Hier konnte sich der Geiger nach Herzenslust austoben. Akkordische Mehrfachgriffe auf allen vier Saiten und polyfone Stimmenverflechtungen wechselten mit fließenden Dreiklangs-Strukturen und rasenden Läufen, düstere Moll-Passagen mit lichten einstimmigen Motiven: ein Prüfstein für alle Geigenvirtuosen, hier technisch glänzend gemeistert.

Die Fantasie über Gounods Oper „Faust“ von Wieniawski profitierte von Widjajas romantischer Musikauffassung: Hier waren Zeitveränderungen als raffinierte Spannungsverstärker, unverhoffte Linienbrüche und grandiose Lautstärkeverschiebungen angebracht. Viel Leidenschaft baute sich auf, im Klavier-Solo brodelte es dumpf im Bass; Mephisto konnte sich nach hohen filigranen Geigenmotiven ein hämisches Kichern nicht verkneifen: Rasend schnelles Kreiseln abwärts. Liedhafte Lieblichkeit zeichnete die Gretchenfigur.

Igor Frolov (*1937) hatte in der „Porgy and Bess Fantasy“ Songs wie „I got plenty o` nottin“ und „Summertime“ eingearbeitet, in brillanter Kongenialität des Duos flott und keck den einen, leicht melancholisch den anderen präsentiert.

Weltreise für einen Konzertbesuch

Zum Schluss war (O-Ton Widadja) „keine Steigerung mehr möglich. Wir verabschieden uns lieber mit einem leichten Augenzwinkern“, nämlich dem „ Rondo Papageno“ op. 20 des seinerzeit hochberühmten Geigenvirtuosen Heinrich Wilhelm Ernst (1814-1865), einer Anleihe aus Mozarts „Zauberflöte“, virtuos, spritzig, übermütig. Stürmischer Beifall erforderte eine Zugabe.

Der Song „River flows in you“ war in erster Linie einem Konzertbesucher gewidmet, der extra für diesen Abend aus Amerika angereist war: Der Werner Richard Saal macht jetzt auch schon Schlagzeilen in der Neuen Welt!