Mit Kittel und Mundschutz in den OP

Bei der Sommertour hat die Redaktion gemeinsam mit der ESV Leser in den Operationssaal eingeladen.
Bei der Sommertour hat die Redaktion gemeinsam mit der ESV Leser in den Operationssaal eingeladen.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Die Teilnehmer der ersten Sommertour der Redaktion haben ausstaffiert wie die Mitglieder des OP-Teams eine Operation am Kunstknie verfolgen können. Blut ist zum Glück keines geflossen.

Volmarstein..  Die drei Treppen hinauf zum Operationstrakt gehen die Teilnehmer der Sommertour zu Fuß. Langsam, wegen der Hitze, langsam auch, weil der eine oder andere die Knie-Operation tatsächlich vor sich hat. Harald Crämer aus Wengern geht dagegen locker die Stufen hoch. Er hat seit fünf Jahren eine Vollprothese im linken Knie. Und „wollte mal sehen, was damals bei der Operation so alles passiert ist“.

Gut 20 Leserinnen und Leser drängeln sich nach einer kurzen Begrüßung schließlich in den engen Umkleiden. Damen und Herren natürlich getrennt. Bis auf die Unterwäsche müssen sich die Teilnehmer ausziehen, um dann in die OP-Kittel und blauen Hosen zu schlüpfen, die auch das Personal in der Orthopädischen Klinik der Evangelischen Stiftung trägt. Häubchen und Mundschutz inklusive. Trotz angenehmer Temperaturen in der Klinik geraten die Besucher hier ein erstes Mal ins Schwitzen. Hinter dem Papierfilter wird es ziemlich warm. Gut, dass Helge Bast, Leitender Arzt der Allgemeinen Orthopädie, nach zehn Minuten erlaubt, den Mundschutz herunter zu ziehen. Da nicht wirklich operiert wird, dürfen die Gäste aufatmen. „Wir wollten ihnen aber einen realistischen Eindruck vermitteln, wie unsere Mitarbeiter und wir Ärzte ausgestattet sind“, so Bast.

25 bis 30 Operationen am Tag

Realistisch wird es dann auch für Harald Crämer. Der 55-Jährige meldet sich freiwillig als „Patient“. Und wird von Christof Heitmann, dem leitenden Anästhesiepfleger und „Zuarbeiter für den Gasmann“, wie er scherzhaft sagt, auf die bereitstehende Liege gebeten. Was dann folgt, ist für Ärzte wie Pfleger Routine, bei der bei 25 bis 30 Operationen am Tag nicht getrödelt werden darf. An diesem Abend aber ist Zeit, alle Handgriffe genau zu erklären. Vom Anlegen der Infusionsschläuche und Überwachungsgeräte bis zum Einführen des Beatmungsschlauchs.

Harald Crämer bleibt gelassen, denn Christof Heitmann simuliert nur. Keine Nadel sticht und auch die Kehlkopfmaske muss der „Patient“ nicht schlucken. „Das geht ohne Narkose auch nicht“, erklärt der Anästhesiepfleger und packt gleich drei Varianten des Schlauchs samt Kehlkopfmaske aus. „Abgelaufenes Material, das können sie gerne in die Hand nehmen.“

Die Gäste fassen sich an den Hals und sind beeindruckt. Von der Größe der weichen Maske, die sich zur Beatmung über den Kehlkopf legt. Und von der Miniaturausgabe für Säuglinge, die wie ein Spielzeug dagegen wirkt.

Während die einen noch über den Beatmungsschlauch staunen, legt Christof Heitmann seinen Patienten bereits schlafen. Und erläutert im Detail, welche Medikamente zum Einsatz kommen. Neben der Tollkirsche, mit der in alten Zeiten die Frauen den Männern gefährlich schöne Augen machten, ist es auch das Mittel, das Michael Jackson das Leben gekostet hat. „Ihn hat niemand überwacht, darum wurde nicht bemerkt, dass er die Atmung eingestellt hat“, sagt Heitmann und versichert, dass seine Patienten keine Minute aus den Augen gelassen werden.

Die Narkose ist gegeben, der Patient schläft, und Harald Crämer darf wieder aufstehen. Denn nun übernehmen Dr. Bast und sein OP-Team, um die tatsächliche Arbeit für ein neues Knie zu demonstrieren. Für das Bein, an dem ein Ersatzteil notwendig ist, gibt es eine eigene Betäubung. Eigentlich schon ausreichend, um den Patienten schmerzfrei zu halten. Doch die Vollnarkose ist für die behandelnden Ärzte wichtig. „Wenn wir loslegen, hört es sich an wie in einer Schreinerei. Das will keiner mitbekommen“, sagt Bast.

Werkzeug auf vier Tischen

Und tatsächlich, das Werkzeug, das auf vier Tischen verteilt liegt, könnte aus dem Baumarkt stammen: Bohrer, Hammer, Sägen und Zangen – alles da. Jeder darf zugreifen und die Arbeitsmittel in die Hand nehmen. Und Schwester Ina Höfinghoff reicht sogar ein Skalpell an, um an einem vorbereiteten Kissen einen Schnitt zu wagen. „Aber Vorsicht, das ist wirklich scharf.“ Der nächste Besucher darf dann die Öffnung wieder schließen. Mit einem Tacker geht das mit wenigen Handgriffen. „Tiefer liegende Schnitte werden vernäht“, erklärt die OP-Schwester und zieht mit leichter Hand ein paar Fäden durch das malträtierte Kissen. Knoten links, Knoten recht, Knoten links „damit es nicht wieder aufgeht“ – und fertig.

Erst jetzt, wo die Test-Wunde schon wieder geschlossen ist, rückt das Knie in den Mittelpunkt. Dr. Bast operiert assistiert von Schwester Maike Sandlöhken an einen Kunstknochen. Bohrt, hämmert und sägt, was das Zeug hält. Zwei Stunden sind vergangen, und die ersten Sommertour-Teilnehmer müssen sich setzen und mit Wasser versorgt werden. „Eine Hüfte geht schneller“, sagt Helge Bast.