Mit dem Herzen bei der Tochter in der Heimat

Neseemjan Khan ist aus Pakistan geflohen. Auf dem Handy zeigt er ein Foto seiner Tochter Afia.
Neseemjan Khan ist aus Pakistan geflohen. Auf dem Handy zeigt er ein Foto seiner Tochter Afia.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Weil er neben den Jungen auch Mädchen unterrichten wollte, musste ein Lehrer vor den Taliban fliehen. In Herdecke fühlt sich der Mann aus Pakistan gut aufgehoben

Herdecke..  Seit zweieinhalb Jahren hat Neseemjan Khan seine Tochter nicht mehr gesehen, und doch trägt er auch das neueste Bild der kleinen Afia mit sich herum. Auf dem Handy ist sie immer dabei. Das Telefon ist seine Brücke nach Pakistan, dem Heimatland, aus dem er vor den Taliban geflüchtet ist. Wird Neseemjan Khan als Asylbewerber anerkannt, sollen Frau und Tochter bald nachkommen.

Der 35-Jährige ist Lehrer. Im Grenzgebiet zu Afghanistan hat er Englisch unterrichtet. Eigentlich war seine Schule nur für Jungs. Neseemjan Khan nahm aber auch Mädchen dazu. Den Taliban war das ein Dorn im Auge. Mädchen brauchen keine Schulbildung, so die Einstellung. Und Jungs sollten auch nicht auf dem Schulhof spielen. Besser wäre, sie übten an der Kalaschnikow. Die Freudlosigkeit an der Schule wäre vielleicht zu ertragen gewesen, nicht aber die Pressionen, denen sich Khan ausgesetzt sah. Es reichte nicht, dass mitten in den Klassenraum eine Trennwand zwischen Jungen und Mädchen eingezogen wurde: Die Taliban kidnappten den engagierten Lehrer und ließen ihn erst nach 17 Tagen voller Torturen wieder frei.

Über Griechenland und Italien ist Neseemjam Khan nach Deutschland gekommen. „Unter großen Schwierigkeiten“, wie Osman Agaa übersetzt. Agaa ist schon vor fast 30 Jahren aus Afghanistan geflohen, lebt in Hagen und ist wie Khan Paschtune. Deutschland war das erklärte Ziel von Neseemjam Khan, und es hat ihn nicht enttäuscht. Das Land ist ein demokratisches Land, so wie von ihm erhofft. In Herdecke ist er freundlich aufgenommen worden. Eine eigene Wohnung wäre zwar schöner, aber er kommt klar im Übergangsheim am Weg zum Poethen. Auch Freunde hat er hier gefunden, unter den Afrikanern. Und: Deutschland ist sicher. Ganz anders als in der Heimat.

Onkel starb auf offener Straße

Seine Frau lebt mit der Tochter mal bei der Schwägerin, mal beim Bruder. Der hat Internet und ein Mobiltelefon. So kommt Neseemjan Khan an die neuesten Nachrichten aus dem Niemandsland zwischen Pakistan und Afghanistan. Und so wird auch der Bilderordner bei seinem Facebook-Konto immer voller. Es sind nicht nur die Aufnahmen von seiner kleinen Afia, die für den Papa in die Kamera lächelt. Fünf Jahre und drei Monate ist sie alt, sagt er auf Nachfrage. Dass er die Monatszahl mit nennt, zeigt, wie sehr er im Herzen bei ihr ist. Und wie sehr ihn die Entfernung schmerzt.

Aber da sind noch ganz andere Bilder, Schreckensbilder. Etwa die Großaufnahme vom Kopf seines Onkels. Eine Kugel durch den Hals hat ihn getötet. Er war mit dem Motorrad unterwegs, als von einem Motorrad neben ihm Schüsse auf den vierfachen Familienvater abgegeben wurden. Taliban. Und es gibt noch ganz andere Gefahren, die das Leben von Lehrern bedrohen und die Eltern um ihre Kinder zittern lassen. 140 Jungen und Mädchen kamen Ende letzten Jahres bei einem Angriff der Taliban auf eine Schule in der Millionenstadt Peschawar ums Leben. Der Tod im Klassenzimmer ist zu einer alltäglichen Gefahr geworden.

Freude am Fußball

Druck gibt es auch von der Gegenseite. Im Juli letzten Jahres hat die pakistanische Armee einen Luftangriff auf das Dorf von Neseemjan Khan geflogen. „Die Regierung hat einfach alle zu Terroristen erklärt“, sagt Khan. Getötet wurden eine Frau und viele Kinder, die jüngsten fünf und drei Jahre alt. Terroristen? Nein! Die Paschtunen in seiner Heimat sind keine Terroristen. Diese Botschaft ist ihm ganz wichtig. Sein Volk besteht aus Opfern, und immer wieder sind es Kinder, deren Leben ausgelöscht wird.

In Paschtu sagt er das zu Osman Agaa. Aber immer wieder versucht er es auch direkt in Englisch. Und manchmal tastet er sich in leisem Deutsch vor. „Sehr gut“, freut er sich über das Bild für die Zeitung, das seine Tochter auf dem Handy-Display und ihn im Hintergrund zeigt. Und dann wischt sein Finger über das Anzeigefeld und stoppt bei einer Aufnahme, die ihn selbst mit einem Fußball unter der Sohle zeigt. „Am Wochenende in Coesfeld“, sagt er dazu. Es folgen Bilder vom Sprachkursus bei der Caritas in Herdecke. Gerade hat er sich für einen neuen angemeldet.

Wird er als Asylbewerber anerkannt, will er Geschäftsmann werden. Handel mit der Heimat schwebt ihm vor. Lieber noch würde er natürlich unterrichten. Aber da sieht er keine Chance. Doch die Vorstellung, dass seine Tochter vielleicht bald ganz selbstverständlich neben einem Jungen in der Klasse sitzt, dürfte ihn entschädigen.