Menschen und Vögel friedlich unter einem Dach

Nistkästen statt angehackte Fassaden: eine Lösung für Mensch wie Tier.
Nistkästen statt angehackte Fassaden: eine Lösung für Mensch wie Tier.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Mauersegler suchen sich oft Nischen direkt unter dem Dach eines Hauses. So entstehen aber auch Löcher und Risse in den Fassaden. Doch es gibt Lösungen für Mensch und Tier.

Wetter/E.-Ruhr..  „Da ist richtig Leben in der Bude“ – so könnte man flapsig die Situation in der ehemaligen Reme-Siedlung an der Breslauer Straße beschreiben. Alle Häuser bzw. Wohnungen von ENWohnen (Kommunales Wohnungsunternehmen des Ennepe-Ruhr-Kreises) sind vermietet. Und nicht nur das. Auch Mauersegler und Sperlinge sind inzwischen eingezogen. In die 30 Nistkästen, die ENWohnen gemeinsam mit dem BUND unter den Dächern an den 18 Gebäuden angebracht hat. Ein Pilotprojekt, das bislang einmalig ist im Ennepe-Ruhr-Kreis.

Denn die Nisthilfen hängen nicht ohne Grund an den Gebäuden. Bereits seit 2009 saniert und modernisiert ENWohnen die komplette Siedlung in Oberwengern. Im Zuge dieser Arbeiten mussten viele Nischen und Hohlräume beseitigt werden, die sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte im Mauerwerk gebildet hatten. Dabei lieben Sperlinge und Mauersegler als sogenannte Gebäudebrüter gerade diese Löcher. „Sie sind zwingend auf Gebäude angewiesen und suchen sich oft Mauernischen unterm Dach“, erklärt Franco Cassese von der Biologischen Station Hagen, die das BUND-Projekt „Mehr Platz für Spatz & Co.“ fachlich begleitet.

„Der Mauersegler zum Beispiel ist ein Spaltenbewohner und überhaupt nicht anspruchsvoll. Er legt seine Eier auf Dachsparren“, so Cassese weiter. Nachdem Alexander Dyck, Geschäftsführer von ENWohnen, vor vier Jahren einen Vortrag von Franco Cassese gehört hatte, war der Kontakt schnell geknüpft. „Spalten und Löcher sind bei uns nicht erwünscht, deswegen haben wir sie bei der Sanierung ausgeglichen und die Dächer gedämmt. Aber wir wollten auch vermeiden, den Lebensraum der Tiere zu vernichten.“, sagt Dyck.

Schnell wurden Bau- und Tierschutzexperte sich einig: Franco Cassese erstellte ein Nistkonzept für die ehemalige Reme-Siedlung, um den Lebensraum der Tiere trotz Sanierung und Modernisierung der Gebäude zu erhalten. Das Ergebnis: An allen Häusern sind unterhalb der Dächer an der Wand teils mehrere Nistkästen angebracht, die in der Fassadenfarbe gestrichen sind und deswegen auf den ersten Blick nicht auffallen.

Die Nistkästen sind etwa drei Kilo schwer und bestehen aus Pflanzenfaserbeton. Denn sie müssen, wie Franco Cassese betont, atmungsaktiv sein. Jeder Kasten ist mit jeweils zwei runden Öffnungen für die Sperlinge und zwei Spaltenöffnungen für die Mauersegler versehen. „Und da die Nisthilfen oft direkt neben den Fenstern der Bewohnern hängen, können die sich über das Zwitschern des Nachwuchses freuen. Das erhöht besonders für Familien mit Kindern die Lebensqualität“, ist Alexander Dyck überzeugt.

Nachahmer erwünscht

Angebracht wurden die Nisthilfen bereits vor über einem Jahr. Die Frage, ob sie denn inzwischen auch angenommen werden, beantwortet Franco Cassese mit einem Blick in den Himmel: „Da oben kreisen die Mauersegler. Und Sperlinge und Meisen sind auch da. Die Zielsetzung ist also erfüllt.“ Was aber nicht bedeutet, dass das Artenschutzprojekt beendet ist.

„Wir machen genauso weiter. In der Eicken-, Liborius-, Goethe- und Schillerstraße müssen die Dächer neu gemacht werden. Auch dabei werden wir uns mit dem BUND absprechen. Denn man sieht ja hier, dass sich der Aufwand gelohnt hat“, sagt Meike Riedesel-Nüßgen. Franco Cassese nickt und sagt; „Nachahmer sind erwünscht.“