Leiden und Sorgen haben gute Seiten

Wer über Ostern einen Gottesdienst besucht oder sich mit dem religiösen Hintergrund des Festes beschäftigt hat, wurde mit Jesu Leiden konfrontiert. Auch wenn die theologische Bedeutung des Todes am Kreuz nicht leicht zu verstehen ist, eines ist offensichtlich: Auch Gottes Sohn wurde das Leid nicht erspart. Für diejenigen unter uns, die zur Zeit auch leiden, ist das vielleicht ein Trost. Warum wir leiden und warum wir unterschiedlich leiden, darauf gibt es keine wirklich schlüssige und individuelle Antwort. Die Umkehrung dieser Frage hilft aber vielleicht dem ein oder anderen bei der Bewältigung seiner persönlichen Sorgen und Lasten: Warum geht es uns nicht immer gut?


Der Theologe antwortet vielleicht: „Weil wir noch nicht im Paradies sind.“ Ich will darauf mit einem Beispiel antworten. Wenn ein Astronaut ein Jahr in Schwerelosigkeit lebt, verliert er rund 25 Prozent seiner Knochenmasse. Dieser Wert wäre noch viel höher, wenn die Astronauten nicht intensiv trainieren würden. Warum ist das so? Das Knochenwachstum und deren Regeneration werden wesentlich durch die Erdanziehung gesteuert. Knochen wachsen und stabilisieren sich genau da am stärksten, wo die Belastung am größten ist. Mit unserem Charakter und unserer Seele verhält es sich nicht viel anders. So wie Raumfahrerknochen leichter brechen, so führen dauerhaftes Glück und permanenter Erfolg nur selten zu einem gesunden und angenehmen Charakter. Arroganz und Egoismus ist zum Beispiel meist eher eine Schwäche der Erfolgreichen als der niedergedrückten Menschen. Das kleine Beispiel zeigt, dass Leid und Sorgen auch ihre positiven Seiten haben. Sie stärken unseren Charakter und lassen uns sensibel für die schönen Seiten des Lebens und die Sorgen der Anderen werden.

Wenn wir viel über das Leiden in den Kirchen predigen, singen und beten, ist das kein Masochismus, sondern die Erkenntnis, dass Freude und Leid für uns Menschen beide wichtig sind. Die vielen Bücher mit Rezepten zum Glücklichwerden, sind damit nicht zu verteufeln. Die Beschäftigung mit dem Leid von Jesus Christus ist aber nachhaltiger.