Keiner will für den Sturz verantwortlich sein

An dieser Stelle trat  Swanhild K. ins Leere und zog sich bei ihrem Sturz schwerste Verletzungen zu. .
An dieser Stelle trat Swanhild K. ins Leere und zog sich bei ihrem Sturz schwerste Verletzungen zu. .
Foto: Arnd Kozlik
Was wir bereits wissen
Als Swanhild K. im November in der Baustelle der Kaiserstraße in Wetter stürzt, verletzt sie sich schwer. Die Folge: starke Schmerzen und mehrere OP-Termine. Stadt und Baufirma weisen jede Schuld von sich.

Wetter..  Es sind vor allem die Schmerzen, die Swanhild K. täglich an den Abend des 6. Novembers erinnern. Schmerzen im Gesicht, Schmerzen in der Schulter, Schmerzen, die sich durch den Körper ziehen, die sie nicht schlafen lassen. Im November war die heute 75-Jährige auf dem Weg nach Hause. „Ich gehe immer zu Fuß“, sagt sie. Mit der Tasche in der Hand lief sie vom Einkaufszentrum auf dem frisch gepflasterten Gehweg der Kaiserstraße in Richtung Friedrichstraße, wollte in Höhe des letzten Hauses auf der rechten Seite die Straßenseite wechseln – und stürzte. „Ich bin nicht gestolpert, sondern einfach ins Leere gefallen“, erinnert sie sich. Wie sie nach dem Sturz nach Hause gekommen ist, daran fehlt jede Erinnerung. „Ich stand wohl unter Schock.“

OP-Termine füllen den Kalender

Gefallen war Swanhild K. über eine Kante, die vom Bürgersteig plötzlich sehr tief ins Schotterbett der Straße führte. Abgesperrt war an dieser Stelle nicht. Und es war dunkel. Die Folgen des Sturzes sind massiv. Der Bruch des Oberarmkopfes musste operativ gerichtet werden, Frakturen im Gesicht wurden mit Platten versorgt. Ein Auge ist geschädigt, als Folge des Bruches ist der Oberarmbizeps abgerissen. „Ich bin schon zwei Mal operiert worden“, sagt Swanhild K.. „Alles ist vernagelt und verschraubt.“ Nägel und Schrauben müssen irgendwann wieder raus. Die OP-Termine füllen also noch länger den Kalender der 75-Jährigen. Ganz abgesehen von den wöchentlichen Besuchen bei Ärzten und Physiotherapeuten.

Termine, die eigentlich so gar nicht zu Swanhild K. passen. Vor dem Sturz waren es die Sporttermine, die den Kalender der Rentnerin gefüllt haben. Nordic-Walking, Fahrradtouren, Ski-Langlauf und auch schon einmal ganze Wochen in der Sportschule in Sundern-Hachen. „Ich war eigentlich immer unterwegs.“ Der Sport, die Bewegung an der frischen Luft, das fehlt Swanhild K.. Aber auch die Kontakte zu ihren Freundinnen, mit denen sie gemeinsam zur Radtour aufgebrochen ist oder zur Walking-Gruppe, fehlen. „Ich kann nicht mehr mitmachen.“

Pech, so ein Sturz könnte man sagen. „Pech“, sagt auch ihr Sohn Arnd K.. Ein Unfall könne immer passieren. Doch nach einem solchen Sturz stellt sich die Frage nach der Verantwortung. Und die hat den K.s noch keiner beantwortet.

Am Tag nach dem Unfall hat sich Arnd K. gleich an die Stadt Wetter gewandt. Schließlich war sie die Bauherrin in der Kaiserstraße. K.hat Bürgermeister Frank Hasenberg direkt auf dessen Weg in die Mittagspause angesprochen. „Er geht immer an unserem Haus vorbei“, sagt K.. Der Bürgermeister verspricht, sich zu kümmern. Will die Verantwortlichen an einen Tisch holen, so erinnert sich Arnd K.. Doch statt eines Gesprächs gibt es ein paar Tage später den Hinweis, der Stadtbetrieb sei zuständig.

Inzwischen haben die K.s einen Anwalt eingeschaltet. Der wird vom Stadtbetrieb an die Baufirma Krutmann aus Menden verwiesen. Der habe man die Verkehrssicherungspflicht übertragen. Ansprüche seien an diese Firma zu richten, heißt es in einem Schreiben. In einem letzten Satz wünscht man Frau K. einen „schnellen und guten Verlauf der Heilung“. Und die Baufirma? Weist alle Ansprüche als rechtlich unbegründet zurück. Die 75-Jährige hätte auf dem Gehweg bleiben sollen. „Doch dort lag eine Baggerschaufel und anderes Baumaterial“, erinnert sich Arnd K., der gleich am nächsten Tag auch Fotos von der Unfallstelle machte. Fotos, die die Versicherung nicht als Beweis anerkennen will. Es wäre nicht erkennbar, wann und mit welcher Kameraeinstellung die Bilder gemacht worden wären.

Stadt für Beleuchtung zuständig

Und dann gibt die Baufirma den Schwarzen Peter wieder zurück an die Stadt. Denn dass es in diesem Bereich so dunkel war, dass Swanhild K. den tiefen Absatz nicht erkennen konnte, lag an der fehlenden Beleuchtung. Und für diese sei die Stadt zuständig, schreibt die VHV-Versicherung.

Der Anwalt der K.s bereitet nun eine Klage gegen die Baufirma vor. „Noch sind wir dabei, das Schmerzensgeld zu beziffern“, sagt Rechtsanwalt Dominik Berghoff. Und er ist zuversichtlich, dass seine Klage Erfolg hat. „Wer eine Gefahrenstelle schafft, muss sie absichern“, sagt Berghoff. Und eine ungesicherte Baustelle im Dunkeln sei eine Gefahrenquelle. „Unsere Mandantin durfte davon ausgehen, dass ein gefahrloses Begehen des Gehweges bzw. ein gefahrloses Erreichen der anderen Straßenseite möglich war“, heißt es dazu bereits in einem Schreiben des Anwalts, das zehn Tage nach dem Unfall an die Stadt Wetter geschickt wurde.

Was bleibt, sind die Schmerzen. Und Enttäuschung über den Bürgermeister, „der seine Kaiserstraße mit großem Trara eröffnet hat, aber sich nicht mehr gemeldet hat“, sagt Swanhild K.. Und auch Sohn Arnd findet es traurig, dass seine Familie während des gesamten Verfahrens „noch kein bisschen menschliches Miteinander oder gar Hilfe erfahren hat“. Dabei stelle doch gerade Frank Hasenberg das menschliche Miteinander in der Stadt immer so heraus, sagt Swanhild K.. „Stattdessen geht er nun immer auf der anderen Straßenseite an unserem Haus vorbei.“