Kampsträter Nachbarschaft arbeitet Blumenthal-Epoche auf

Moritz Blumenthal (hier mit Mützen-Emblem der Deutschen Turnerschaft, was seine enge Verbundenheit über mehr als 60 Jahre mit dem TSV Herdecke zeigt) wurde als Kampsträter Obernachbar 1933 aus dem Amt gedrängt.  Das Foto stammt von Anne Neuhaus, der Ehefrau eines Enkels von Moritz Blumenthal, die in England lebt.
Moritz Blumenthal (hier mit Mützen-Emblem der Deutschen Turnerschaft, was seine enge Verbundenheit über mehr als 60 Jahre mit dem TSV Herdecke zeigt) wurde als Kampsträter Obernachbar 1933 aus dem Amt gedrängt. Das Foto stammt von Anne Neuhaus, der Ehefrau eines Enkels von Moritz Blumenthal, die in England lebt.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Bevor eine zentrale Fläche in Herdecke „Kampsträter Platz“ genannt wird, arbeitete die Nachbarschaft ihr dunkles Kapitel um Moritz Blumenthal auf.

Herdecke..  Im vergangenen Jahr schlug der Herdecker Bürger Uli Weishaupt vor, die derzeitige Parkfläche zwischen Kamp- und Hauptstraße (unterhalb der Wetterstraße) nach den laufenden Umbauarbeiten als „Kampsträter Platz“ zu benennen. Einstimmig nahm die Politik diesen Vorschlag an, der auch mit der Kampsträter Nachbarschaft abgestimmt worden war.

Bei der Aufarbeitung der Geschichte dieses Zusammenschlusses kam dann zum Vorschein, dass es auch in Herdeckes ältester Nachbarschaft ein dunkles Kapitel gibt. Etwa während der Vorbereitung der Reden zum Volkstrauertag geriet Moritz Blumenthal, der in den 1920-er Jahren Obernachbar bei den Kampsträtern wurde, ins Blickfeld der Heimatforscher. Speziell Willi Creutzenberg fand heraus, dass dieser aufgrund seines jüdischen Glaubens 1933 dazu gedrängt wurde, den Vorsitz in der Nachbarschaft aufzugeben.

„In Abstimmung mit der Bürgermeisterin und Uli Weishaupt haben wir uns mit Blumenthal und dieser dunklen Zeit dann näher befasst“, berichten Horst Löffler, derzeit stellvertretender Obernachbar, und Kassierer Heinz Petri. Auch wenn das Drängen zum Amtsverzicht in der damaligen Zeit kein Einzelfall gewesen und flächendeckend geschen sei, distanziert sich der heutige Vorstand von den damaligen Ereignissen in der Nachbarschaft (siehe unten).

Zur Person: Blumenthal wurde 1853 geboren, war ein bekannter Metzger in Herdecke, wurde 1874 Kassierer beim TSV (Jahrzehnte später dann Ehrenmitglied). Von 1907 bis 1912 gehörte er zur Stadtverordnetenversammlung. Er erlebte nur die Anfangsjahre der Nazis und starb 1935 als 82-Jähriger.

Die Erklärung im Wortlaut

Auch die 1778 gegründete Kampsträter Nachbarschaft, mit 229 Jahren die älteste in Herdecke, stellt sich nach eigener Aussage ihrer Vergangenheit. Sie teilt mit:

„Mit Betroffenheit hat die Kampsträter Nachbarschaft erfahren, dass der jüdische Kaufmann Moritz Blumenthal 1933 als Obernachbar offensichtlich zum Rücktritt aus seinem Amt gezwungen wurde. Seine frühere Wahl zum Vorsitzenden hatte mehrheitlich das Vertrauen seiner Mitglider vorausgesetzt. Daran wird sich bis zuletzt nichts geändert haben. Ein Motiv für den Druck zum Amtsverzicht lässt sich dem Protokolltext nicht entnehmen. Das wird nur klarer, wenn man sich der politischen Vergangenheit erinnert.

Kein Nachruf im Protokollbuch

Ausgangspunkt war das Ermächtigungsgesetz vom 20. März 1933. Mit ihm wurde das Führerprinzip umgesetzt, und zwar auf allen Ebenen, von der politischen Spitze bis zu den Vereinen. Der Vorsitzende eines Vereines wurde ,entsprechend der Gleichschaltung neu gewählt’. Das geschah in Deutschland flächendeckend innerhalb weniger Monate.

Ein prominenter Fall ist der jüdische Kaufmann Kurt Landauer. Obwohl er den FC Bayern München nach jahrelanger Aufbauarbeit 1932 zum ersten Deutschen Meistertitel geführt hatte, zwang man ihn 1933 zum Rücktritt.

Die in Herdecke, München und anderswo praktizierten Rücktrittsformen machen auch nach über 80 Jahren erschreckend deutlich, wie unwürdig und verletzend sich das Ende demokratischer Prozesse in Deutschland inszeniert hat. Das gilt auch für die Form, wie die Kampsträter Nachbarschaft 1935 mit dem Tod des 85 Jahre alten ehemaligen Obernachbarn umging. Das Protokollbuch erhält keinen Nachruf.

Dem heutigen Vorstand waren diese Fakten bisher nicht bekannt, zumal die alten Protokolle in Sütterlinschrift verfasst und in der Nachkriegs nie gründlich entziffert worden sind.“