Kaiserschnitt-Rate in Herdecke besonders niedrig

So eine Geburt und alles, was danach kommt, kann ganz schön stressen. In Herdecke wird darum viel Wert darauf gelegt, die Kinder in der ersten Stunde auf der Welt ganz nah bei der Mutter zu lassen. Gewaschen wird später.
So eine Geburt und alles, was danach kommt, kann ganz schön stressen. In Herdecke wird darum viel Wert darauf gelegt, die Kinder in der ersten Stunde auf der Welt ganz nah bei der Mutter zu lassen. Gewaschen wird später.
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Was wir bereits wissen
Bundesweit liegt die Kaiserschnitt-Rate bei 31,8 Prozent. In Herdecke wird aktuell in gerade einmal 26 Prozent der Geburten eine so genannte Sektio durchgeführt. Eine Quote, auf die Dr. Anette Voigt stolz ist.

Herdecke/Ennepe-Ruhr..  Im Jahr 2013 wurden in den Krankenhäusern im Ennepe-Ruhr-Kreis laut Statistischem Landesamt 1379 von 3634 Entbindungen per Kaiserschnitt durchgeführt. Mit 37,9 Prozent liegt der Kreis damit sowohl über dem NRW-Durchschnitt von 33,1 Prozent als auch deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 31,8 Prozent. Ein hoher Anteil der Geburten finden im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke (GKH) statt. Wir haben mit Dr. Anette Voigt gesprochen. Sie ist Leitende Ärztin der Frauenklinik und Ärztliche Direktorin des GKH.

Wie hoch ist die Kaiserschnitt-Quote an Ihrer Klinik?

Dr. Anette Voigt: Unsere Sektio–Rate liegt aktuell bei 26 Prozent. Damit liegen wir deutlich unter dem Bundesschnitt. Und das macht uns natürlich ziemlich stolz.

Wann wird ein Kaiserschnitt durchgeführt?

Indikation für einen Kaiserschnitt ist immer die mögliche Gefährdung der Mutter oder des Kindes. Bei uns gibt es eine sehr geringe Rate von vorgeplanten Kaiserschnitten. In diesem Jahr waren es bisher insgesamt 175 Sektios, davon stand in nur 51 Fällen schon vorher fest, dass eine Geburt nur mit einem Kaiserschnitt möglich ist. In 124 Fällen haben wir uns während der Geburt für einen Kaiserschnitt entscheiden müssen. Gründe können sein, dass die Mutter durch einen zu langen Geburtsverlauf gefährdet ist oder die Herztöne des Kindes schlechter werden. Der Kaiserschnitt ist aber immer das letzte Mittel.

Kommen Frauen zu Ihnen, die Wert auf eine normale Geburt legen?

Ja, es sind oft hoch motivierte Frauen, die zum Teil extra zu uns kommen, um vaginal zu entbinden. Zum Teil von sehr weit her. Wir haben Frauen, die aus Moskau kommen, um hier eine normale Geburt zu erleben, nachdem sie dort schon einmal per Kaiserschnitt entbunden wurden. Die Motivation der Frauen, normal zu gebären, ist zum Teil sehr groß. Und da freuen wir uns natürlich, sie bei ihrem Wunsch unterstützen zu können.

Werden Kaiserschnitte auch auf den ausdrücklichen Wunsch der Mutter hin durchgeführt?

Wir führen auch Kaiserschnitte auf Wunsch der Mutter durch, wenn zum Beispiel eine traumatische erste Geburt oder eine Angststörung vorliegt. Meistens erübrigt sich dieser Wunsch aber, wenn wir zum Beispiel ausführlich über Möglichkeiten der Schmerzerleichterung sprechen. Wir haben hierfür eine sogenannte Geburtsplanungssprechstunde.

Kindern, die durch Kaiserschnitt geboren werden, wird ein erhöhtes Allergierisiko zugesprochen. Können Sie das bestätigen?

Man vermutet, dass Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, der Kontakt zur Vaginalflora der Mutter fehlt. Dadurch, so vermutet man weiter, entsteht eine andere Besiedelung der Darmflora des Kindes. Außerdem wird durch den Kaiserschnitt die sogenannte Bondingphase gestört, also die frühe Bindungsphase zwischen Mutter und Kind direkt nach der Geburt. Häufig stillen Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten, nicht voll. Wir achten auch bei einer Sektio und oder auch bei Frühgeburten auf eine möglichst ungestörte Bondingphase. In dieser Woche ist zum Beispiel ein kleines Mädchen mit gerade einmal 1300 Gramm geboren worden. Die Kleine hat dennoch die erste Stunde ihres Lebens auf der Brust der Mutter verbracht. Erst dann wurde sie auf die Kinderintensivstation verlegt.