Junge Hüpfer über alte Hasen
09.10.2009 | 18:53 Uhr 2009-10-09T18:53:00+0200
Herdecke. Kim Quermann und Malte Dürr sind gerade frisch für die SPD in den Rat gewählt. Christian Brandt (CDU) ist schon fünf Jahre dabei, aber immer noch einer der jüngsten im Rat. Gemeinsam ist ihnen das Interesse an der Politik - nicht gerade modisch in der heutigen Zeit.
Warum sie trotzdem gerne dabei sind, was sie mitbringen und wo sie hinwollen, verrieten sie beim Gespräch in der „Sonne”, wo unter jungen Leuten gerne mal über Politik geredet wird.
Gibt es eine längere Leine für den Parteinachwuchs?
Kim Quermann: Das hat nichts mit jung und alt zu tun, das hängt eher an der Bekanntheit.
Malte Dürr: Wer Bürgermeisterkandidat wird, ist schon diskutiert worden. Das hatte aber nichts mit den Generationen zu tun. Aber es stellt sich schon die Frage, wie ernst die Kritiker aus den Reihen der Jusos genommen werden, vergleicht man sie mit denen, die vermeintlich renommiert sind.
Sehen Sie sich im Rat ausschließlich als Sachverständige für Jugendthemen?
Malte Dürr: Von Themen wie Schule, Sport und Kultur habe ich einfach mehr Ahnung als von Stadtentwicklung - daher interessiert mich dieser Ausschuss mehr.
Kim Quermann: Ich möchte auf jeden Fall in den Jugendhilfeausschuss. Ich denke, dass wir, weil wir jung sind, eben auch besondere Sichtweisen mitbringen können.
Aus welcher Ecke kommen Sie, Herr Brandt, und wie haben Sie sich freigeschwommen?
Christian Brandt: Ich habe vor sechs Jahren als sachkundiger Bürger im Jugendhilfeausschuss begonnen. Dabei zählte, dass ich in einem großen Jugendverband ehrenamtlich aktiv war. Die letzten fünf Jahre ist noch der Ausschuss für Schule Kultur und Sport hinzugekommen. Klar ist trotzdem: Alle Ratsmitglieder behandeln alle Themen.
Gab's ein Schlüsselerlebnis für Ihr Engagement in der Politik?
Kim Quermann: Bei mir war das eher schleichend. Erstmals richtig politisch aktiv war ich zu Zeiten des Irak-Krieges, als es auch hier eine Friedensinitiative gab. Dann kam das Kinder- und Jugendparlament, in dem ich auch Sprecherin war, und schließlich die Jusos.
»Ich glaube, dass alle, die sich für andere engagieren, dieses Gen in sich haben«
Christian Brandt: Schlüsselerlebnis? Nein! Der Einsatz für einen Verband war schon lange da. Beim Engagement auch in der Politik ging es mehr um die Frage, ob Zeit dafür da ist. Das sollte man nicht unterschätzen. Ich glaube, dass alle, die sich in den Vereinen, Verbänden, Parteien engagieren, dieses „Gen” haben, sich für andere einsetzen zu wollen. Das KiJuPa gab's zu meiner Zeit noch nicht. Aber es ist wichtig, weil es Umgang verschafft mit den Ausschüssen oder dem Bürgermeister...
Kim Quermann: ...auch weil es zeigt, dass man etwas bewegen kann.
Malte Dürr: Ein Schlüsselerlebnis gab's bei mir nicht, aber vielleicht so etwas wie eine Schlüsselzeit. In der Oberstufe fing es an, dass neben dem Schulalltag viel zu organisieren war. Als gefragt wurde, wer Schülersprecher werden will, habe ich gesagt, ich. Wenn man dann sieht, wie man die Leute motivieren kann, bleibt man gerne dabei.
Schreckt die etablierte Politik ab oder finden sich hier Vorbilder?
Christian Brandt: Wir erleben natürlich alles: Leute, die einen Tunnelblick haben wie auch solche, die sich sehr extrem für andere einsetzen. Für mich sehr demotivierend waren die ersten dreieinhalb Jahre im Rat, als es noch eine feste Koalititon aus SPD und Grünen gab. Egal wie gut die Vorschläge der anderern Parteien waren, sie wurden abgelehnt.
Fürchten junge SPD-Politiker, dass es ihnen jetzt umgekehrt genauso ergeht?
Malte Dürr: Ich habe das in den Fraktionssitzungen erlebt: Wenn nach dem Bruch wirklich gute Ideen von den Grünen kamen, wurden diese mit einem Federstrich abgebügelt. Das demotiviert nicht nur die anderen, das demotiviert auch innerhalb der Partei.
»Es ist der Vorteil der Jüngeren, dass sie unbeleckt an die Sache herangehen können«
Kim Quermann: Ich habe für das KiJuPa im Jugendhilfeausschuss gesessen und noch gar nicht an Parteipolitik gedacht. Bei der konstitutierenden Sitzung habe ich mein Späßchen gehabt, weil sich da Fraktionen zerfleischt haben um des Zerfleischens willen. Für mich war das mehr motivierend zu sagen: So geht's nicht - machen wir es doch einmal anders.
Stehen wir am Anfang einer unvoreingenommeneren Art, in Herdecke Politik zu machen?
Malte Dürr: Von Leuten, die über 40 Jahre eine absolute Mehrheit gewohnt waren, kann man nicht erwarten, dass sie von einem Tag auf den anderen offen sind für Anderes. Da ist es ein Vorteil der Jüngeren, dass wir unbeleckt an die Sache herangehen können.
Ist der Austausch zwischen den Generationen auf Augenhöhe oder gibt es Bevormundung?
Malte Dürr: Am Anfang ist das schon schwierig, wenn man mit 18 oder 19 Jahren in einer Fraktionssitzung zwischen Leuten sitzt, die die Stadt als Eigentum gesehen haben - da kann man noch so gute Ideen haben, das bringt dann nichts. Dadurch, dass man überhaupt in den Rat gekommen ist, auch durch das gute Wahlergebnis gerade der jungen Kandidaten, hat man eine ganz andere Reputation.
Kim Quermann: Ich denke, das Ansehen nach der Wahl ist dasselbe wie vorher. Es war aber schwierig, überhaupt erst einmal so weit in die Partei hineinzukommen.
»Es ist nicht unbedingt ein Partyknüller, wenn ich erzähle, dass ich Politik mache«
Christian Brandt: Die Erwartung an die jüngeren Ratsmitglieder in der CDU geht schon in die Richtung: Ihr müsst irgendwann das Ruder übernehmen - also macht mit und haltet euch nicht zurück.
Wie wichtig sind Parteien für die Politik?
Malte Dürr: Wir müssen uns alle nicht dafür schämen, dass wir in politischen Parteien sind, auch wenn Kim und ich in unserer Altersklasse da noch etwas exotisch wirken. Es ist nicht unbedingt der Partyknüller, wenn ich erzähle, dass ich Kommunalpolitiker bin. Zwei Jahre Neuseeland bieten mehr Gesprächsstoff.
Christian Brandt: Nur weil wir Mitglieder einer Partei sind, heißt das ja noch lange nicht, dass wir so was wie Leibeigene und mit allem einverstanden sind.
Wie weit soll Sie der Weg in der Politik führen?
Malte Dürr: Ich bin jetzt seit sieben Jahren in der SPD, habe immer alles auf mich zukommen lassen und bin damit sehr gut gefahren. Politische Karriereplanung am Reißbrett kommt für mich nicht in Frage.
Kim Quermann: Ich studiere ganz bewusst nicht Politikwissenschaften oder irgendetwas Vergleichbares. Berufspolitik ist jedenfalls nichts, was ich anstrebe, ich bleibe da bei meiner Informatik.
Christian Brandt: Das ist das Schöne: Es ist immer noch ein Hobby, ein Ehrenamt und kein Beruf.
Mit den „jungen Hüpfern” im Rat, Kim Quermann, Malte Dürr und Christian Brandt, sprach Redakteur Klaus Görzel. Ein Gespräch mit den „alten Hasen” lesen Sie hier .
18:38
Den Aussagen möchte ich mich anschließen. Es wäre darüber hinaus wünschenswert, wenn ein parteiübergreifendes Miteinander möglich wird, bei dem ein freundlicherer Ton die Regel wird. Viel Erfolg!
17:26
super, in dieser ausführlichkeit einmal jüngere zu wort kommen zu lassen. allen dreien weiterhin viel motivation, keinen tunnelblick und jede menge chancen blockfreie kommunalpolitik für alle herdeckerinnen und herdecker zu machen. vielleicht könnte diesa auch zu neu-interessierten führen.
09:58
Mögen sich die jungen Leute lange den kritischen Blick auch auf die eigenen Reihen bewahren!
Politk macht man für die Stadt, in der man lebt. Dafür lohnt sich das auf jeden Fall. Wer anfängt, nach Ämtern und Aufwandsentschädigungen zu schielen, sollte sofort die Reißleine ziehen und zurücktreten.
11:33
Ein paar Aussagen finde ich schon beachtlich:
... Egal wie gut die Vorschläge der anderern Parteien waren, sie wurden abgelehnt.
... sich da Fraktionen zerfleischt haben um des Zerfleischens willen.
... zwischen Leuten sitzt, die die Stadt als Eigentum gesehen haben -
Diese 3 Zitate spiegeln genau das wieder, wo für kaum ein Bürger Verständnis hat, was aber Gang und Gäbe ist, vielleicht aber hoffentlich war.
Die großen Parteien, allen voran die SPD, sind genau an dieser Einstellung gescheitert.
Den jungen Parlamentariern auf jeden Fall viel Glück und Erfolg bei Ihrer sicher nicht einfachen Aufgabe.