Im Heim regierte die Angst
27.03.2009 | 17:37 Uhr 2009-03-27T17:37:00+0100Lieblose Diakonissen, eine prügelnde Lehrerin, misshandelte Kinder - es war alles so schlimm, wie schon in der „Volmarsteiner Erklärung” von 2006 geschildert, und doch viel schlimmer. Denn mittlerweile haben sich weitere Opfer zu Wort gemeldet. Und es gibt Bestätigungen für das Leid der Kinder, die
Zwei Jahre haben die beiden Bielefelder Historiker Prof. Hans-Walter Schmuhl und Dr. Ulrike Winkler die Zustände im Johanna-Helenen-Heim der fünfziger und sechziger Jahre erforscht. Vor gut 100 Jahren war es das Stammhaus der Volmarsteiner „Krüppelanstalt”, in der unmittelbaren Nachkriegszeit Wohnheim und Schule für körperbehinderte Kinder. Heute ist das Johanna-Helenen-Haus Teil der Oberlinschule der Evangelischen Stiftung Volmarstein. Sie ist auch der Auftraggeber für die beiden Historiker, die an diesem verregneten Nachmittag im Wechsel an die Kanzel der Martinskirche treten und von der Gewalt berichten, die auf dem Stiftungsgelände vor einem halben Jahrhundert geherrscht hat.
Eine „allumfassende Angst” war das Grundgefühl der Kinder, sagt Professor Schmuhl. „Gewalt bis hin zu rohen Misshandlungen gehörte zum Alltag”. Es gab Schläge mit der Hand, mit der Faust, mit dem Stock. Und Zwangsfütterungen, wenn es sein musste, auch mit dem eigenen Erbrochenen. Bisher ist es ruhig geblieben im Kirchenschiff, in dem gut 100 Zuhörer Platz genommen haben. Jetzt aber, und nur dieses eine Mal deutlich vernehmbar, gibt es einen Ausruf des Entsetzens, des Mitleidens: Das Erbrochene sei regelrecht in den Mund eines Mädchens zurückgeschaufelt worden, hat ein Mitarbeiter damals schriftlich festgehalten - heute ein wichtiges Zeugnis, dass die Geschichten aus dem Johanna-Helenen-Heim nicht erfunden sind.
Unbekannt waren sie auch vor der „Volmarsteiner Erklärung” von 2006 nicht. „Die Geschehnisse waren schon früh öffentlich ausgesprochen worden”, erinnerte Professor Schmuhl an die Rede, die der kürzlich gestorbene Pfarrer Ulrich Bach zu seiner Verabschiedung gehalten hatte. Nur reagiert hatte keiner, weder die Leitung der Stiftung noch sonst jemand aus dem Saal.
Vor drei Jahren dann stand das damalige Johanna-Helenen-Heim und mit ihm die Vorläuferinstitution der ESV plötzlich mit in der Kritik an kirchlichen Einrichtungen, die ihre Zöglinge gezüchtigt hatten. „Schläge im Namen des Herrn” hieß das Buch, das eine breite Diskussion los trat und in Volmarstein zu einer Erklärung führte. Die damit verbundene Hoffnung, „einen Schlussstrich unter die Sache zu ziehen, ging allerdings nicht auf”, stellte Schmuhl fest. Im Gegenteil.
Als Reaktion auf die Volmarsteiner Erklärung gründete sich die Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim. So manche Formulierung und Bewertung hätten die Heimkinder von damals als „Schlag ins Gesicht empfunden”, fasst der Historiker zusammen. Unter seinen Zuhörern sind zahlreiche Mitglieder der Freien Arbeitsgruppe, die viele Gesprächsprotokolle ins Internet gestellt und akribisch festgehalten hat, welchen Verlauf die Aufarbeitung der schrecklichen Geschichten bisher genommen hat.
Was waren das für Schwestern, die ihren Schutzbefohlenen solch ein Leid antun konnten? Und: Wie weit ging das, was in Volmarstein geschehen ist, über das hinaus, was vor 50 Jahren womöglich allgemein akzeptiert war? Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler haben sich kundig gemacht über die Königsberger Diakonissen, deren Mutterhaus zum Kriegsende von der russischen Armee besetzt wurde, in dem viele Schwestern gedemütigt, zum Teil vergewaltigt wurden. Für die beiden Forscher ist klar, dass diese Frauen schon von der psychischen Lage her „vollkommen überfordert” waren mit der Betreuung behinderter Kinder, dass sie von der Ausbildung her „denkbar ungeeignet” für diese Aufgabe und in Volmarstein chronisch unterbesetzt waren.
Damalige Leitung war
über Zustände im Bilde
Die Beiden haben sich auch mit Gertraude Steiniger beschäftigt, einer besonders gefürchteten Lehrerin, die selbst körperbehindert war. Die Härte, die sie gegen sich selbst geübt hatte, verlangte sie auch den Kindern ab. Behinderte, das waren im Verständnis der damaligen Zeit Menschen, die überhaupt erst einmal fit gemacht werden mussten für die menschliche Gemeinschaft. Mit Kälte, Härte und Rücksichtslosigkeit arbeitete die Lehrerin daran, so Ulrike Winkler, schlug zu mit ihrem Stock und ließ Kinder in der Ecke stehen, bevor sie aus Erschöpfung zusammenbrachen. Sogar eine eigene Typologie hatte sie entwickelt. Mit jeder Art der Behinderung war eine besondere Art der Cha-rakterschwäche verbunden.
Die Leitung der damaligen Anstalt, darüber herrscht für die beiden Historiker kein Zweifel, „war über die Zustände im Bilde”. Mit Hilfe allerdings war nicht zu rechnen. Die Personalnot wog offenkundig schwerer als die Anschuldigungen gegen immer dieselben Schwestern oder Lehrerinnen. Die Augen wurden verschlossen angesichts von Misshandlungen, „die vielfach auch nach den Maßstäben der damaligen Zeit einen Strafttatbestand erfüllten”, so Professor Schmuhl. Und selbst wenn in den fünfziger oder sechziger Jahren Züchtigungen von Kindern noch anders gesehen wurden als heute - dabei ging es meist um den eigenen Nachwuchs. Wenn aber morgens im Heim Bettnässer vor den Augen aller anderen Kinder Schläge auf den nackten Po bekamen, „dann entsprach das selbst dem damaligen Verständnis für Sitte und Ordnung längst nicht mehr”.
Im Sommer
soll Buch vorliegen
Eines der Mädchen hatte ganz besonders unter den Ordensschwestern zu leiden. Nach vermeintlichen Vergehen musste es ein „Strafkleid” tragen. Bis heute leidet Marianne B., längst eine erwachsene Frau, an den Folgen der Demütigungen und braucht Hilfe. Das Opfer, von dem Professor Schmuhl hier spricht, sitzt unter seinen Zuhörern. Mit anderen geschundenen Kindern von damals hat es in der Freien Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim daran mitgewirkt, den Schleier über der schlimmen Zeit zu zerreißen.
Die Erinnerung ist schmerzlich, aber sie ist auch die Chance zur Befreiung. Ein Schlussstrich, nein, das wird vermutlich auch die neue „Volmarsteiner Erklärung” nicht sein, die ESV-Vorstand Pfarrer Jürgen Dittrich angekündigt hat, wenn die beiden Historiker noch weiter sind in ihrer Arbeit. Zahlreiche Interviews haben sie bereits geführt, weitere werden folgen. Im Sommer dann soll ihr Buch vorliegen, das zeigt, was in Volmarstein gewesen und wie es in den Köpfen der unglücklichen Kinder geblieben ist.
10:34
Selbst ein Fürsorgezöglingder späten 60er wie ich es war steht erschüttert und fassungslos diesen Schandtaten gegenüber.Die Forderung,das Leiden der körperbehinderten Kinder eigens am rundem Tisch in Berlin zu behandeln kann ich nur unterstützen.Ich würde vorchlagen,nicht nur eigens behandeln sondern vorrangig.Finanzielle Unterstützung und eine ausreichende,qualifizierte Betreuung im Alter sollten als erstes auf der Tagesordnung stehen.
01:13
Johanna-Helenen-Heim: ein Haus des Grauens, da läuft einen eiskalt der Schauer über den Rücken und so stelle ich mir die Hölle vor. Wieviel Leid kann ein Kind ertragen?
Wie können Kinder mit solchen grausamen Erlebnissen überleben?
Der Titel des Buches von Wensierski: Schläge im Namen des Herrn, trifft hier nicht zu. Für dieses Heim müsste es heissen: Verbrechen im Namen des Herrn.
Ich hoffe für alle geschundenen ehemaligen Heimkinder dieser Hölle, die Wiedergutmachung bzw. Entschädigung, die es Ihnen ermöglicht zu fühlen, dass die an ihnen ausgeübten Verbrechen auch ernst genommen werden. Eine Heilung ist nicht möglich zu tief sind die körperlichen und seelischen Wunden und Narben. Aber es kann eine kleine Linderung geben. Ich kann nur hoffen, dass die Kirchen ihre Verantwortung ernst nehmen. In tiefer Solidarität mit den Opfern
Herzlichst Erika