Im Alltag der Wetteraner zog der Frieden ein

Hannelore Althoff hat Aufzeichnunen über den 1. Weltkrieg, in dem ihr Vater ein Eisernes Kreuz bekam, und über das Ende des 2. Weltkrieges in Wetter.
Hannelore Althoff hat Aufzeichnunen über den 1. Weltkrieg, in dem ihr Vater ein Eisernes Kreuz bekam, und über das Ende des 2. Weltkrieges in Wetter.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
„Ohne üppiges Essen, aber auch ohne Alarm“: Hannelore Althoff erinnert sich an die Amerikaner in Wetter und die schwere Zeit nach dem Krieg.

Wetter..  Schwarz waren sie, die ersten Amerikaner, die Hannelore Althoff in ihrem Leben gesehen hat. Vorsichtig bewegten sie sich die Bergstraße runter Richtung Ruhr. Noch vorsichtiger waren die Deutschen. „Man sah niemanden sonst auf der Straße“, weiß Hannelore Althoff noch über jenen Tag im April 1945.

Der sollte der letzte des Krieges sein, und mit den Kämpfen war auch die Angst vorbei: „Es gab keinen Alarm und keine Bomben mehr.“ Ein wenig habe es gedauert, „aber dann fühlten wir uns frei.“

Ein paar Häuser von der Wohnung der Eltern entfernt mussten Mieter den Besatzern Platz machen. Und auch im Hotel „Deutsches Haus“ zogen die Amerikaner ein. „Damals war es das beste Haus am Platz“, weiß Hannelore Althoff zu berichten. Längst ist es abgerissen. An eine persönliche Begegnung mit einem der Soldaten, die Wetter das Kriegsende brachten, kann sie sich nicht erinnern. Aber ihr Vater sei einmal von einem Uniformierten nach der Zeit gefragt worden. Die Antwort habe den Soldaten nicht interessiert, aber die Uhr, von der die Zeit abgelesen wurde. Das blieb der einzige Tribut, den die Familie an die Besatzer zahlen musste.

Feinde oder Befreier?

Die Zeit war schwierig. Auf den letzten Drücker hatten die Deutschen die Brücken über die Ruhr gesprengt, damit die Amerikaner nicht so leicht vorrücken sollten. In der Folge brach die Wasserversorgung in der Stadt zusammen. An der kleinen Quelle an der Bornstraße wurde das Wasser geschöpft. Und auch die Erlebnisse des Krieges waren allgegenwärtig: Die Nächte, in denen Hannelore Althoff nach Büroschluss bei der Demag nicht nach Hause ging, sondern mit einer Kollegin Bereitschaftdienst schob. Per Telefon gingen Meldungen ein, wenn sich feindliche Bomber näherten und auch Wetter berührt sein konnte.

„Zwei kleine Mädchen saßen da“, erinnert sie sich an die Nächte voller Verantwortung. Gerade mal 19 Jahre alt war sie „und hatte das Glück, dass ich nicht einmal Alarm geben musste.“ Im Bunker unter dem Werk 2 saß sie in diesen Nächten und empfand die Beklemmung der Tiefe und der Gefahr.

Das alles war vorüber mit dem Einzug der jungen Männer aus USA. Es begann eine Zeit „ohne üppiges Essen, aber auch ohne Alarm“, blickt sie zurück auf jene Jahre, in denen ein Netz Kartoffeln als Gastgeschenk mitgebracht wurde. Von vielen Jahren erzählt das Familienalbum, das sie gerne mit ihrer Nichte durchblättert. Nach Aufnahmen von 1940 gibt es einen großen Sprung. Erst 1950 wurde wieder ein Ereignis mit der Kamera festgehalten, eine Diamant-Hochzeit. Das Leben ging weiter und damit auch die Fotografie.

Die Amerikaner, sie wurden ein starker Wirtschaftspartner und bestimmend in Musik und Moden. Hat Hannelore Althoff in ihnen mehr die Feinde oder die Befreier gesehen? Weder noch, sagt die heute 90-Jährige.

Mit den Amerikanern hat sie keine Rechnung offen. Zu einem Urlaub in den Staaten hat es zwar nicht gereicht. „So weit bin ich nie geflogen“, sagt sie. Und auch ihre Nichte hat den Sprung über den großen Teich nicht gewagt. Dabei war sie Sekretärin bei der Reme, der Panzerausbessungswerkstatt, die die Briten dann später in Wetter betrieben. Auch die Sprachkenntnisse sind für die Cousine nicht zu einem Sprungbrett in die neue Welt geworden.

Notizen der Vergangenheit

Auf einem großen Block hat Hannelore Althoff die Erinnerungen an die Kriegszeit und die Jahre danach aufgeschrieben. Die Amerikaner mit ihrem Einzug in der Stadt bleiben dabei Episode, ohne großen Nachhall im persönlichen Verhältnis zu dieser Siegermacht. Stärker sind die Erinnerungen an den Hunger, die Angst, die Entbehrungen und den Verlust: Zwei Cousins von Hannelore Althoff starben im Krieg, und noch heute hat sie vor Augen, wie an der Ecke von Königstraße und Wilhelmstraße ein vierzehnjähriger Junge von einem Splitter getroffen wurde und auf der Straße starb.