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Eine Stadt für alle

Hürdenfrei ins Gotteshaus

12.02.2012 | 15:30 Uhr

Wetter.Kirchen sollen allen Menschen offen stehen. So weit die Lehre. Die Praxis besteht viel zu oft aus Stufen. Stufen am Eingang. Stufen auf dem Weg in den Altarraum. Stufen auf dem Weg zur Empore. Dabei werden mit der Gesamtbevölkerung auch die Gottesdienstbesucher immer älter.

So langsam erst fällt vielen Kirchengemeinden der Spalt zwischen Anspruch und architektonischer Wirklichkeit auf. „Der Nachholbedarf ist groß“, sagt Johann-Christian Grote. Er ist Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde in der Freiheit von Alt-Wetter. Die Erkenntnis beflügelt hat ein Fragebogen, den der Arbeitskreis „Barrieren für ältere Menschen“ verschickt hat. Er ist einer der vielen Arbeitskreise, die am Runden Tisch des Projekts „Eine Stadt für alle“ Platz genommen haben.

Auf Stufenzum Abendmahl

15 Fragebogen sind an die Kirchengemeinden in Wetter verschickt worden. 14 sind mittlerweile zurück gekommen. Noch bevor die Auswertung vorliegt, kann die Umfrage erste Ergebnisse vorweisen. „Das Problembewusstsein ist durch den Fragebogen erst richtig geweckt worden“, weiß Pfarrer Grote aus seiner Gemeinde. Anzeichen für bauliche Fallstricke gibt es schon länger.

Beim Abendmahl etwa waren die Stufen hoch zum Chorraum schon immer ein Problem. Ältere Gemeindemitglieder mussten gestützt werden, um Brot und Wein empfangen zu können. Und auch der Eingang macht es Menschen mit Stock oder Rollator nicht leicht. Das haben auch die Tage mit Offener Kirchentür in den Sommermonaten ans Licht gebracht. Manch ein Senior kommt noch mal zur Stätte seiner Konfirmation – und kämpft im Rollstuhl gegen die Stufen.

Die baulichen Probleme sind lösbar. Das hat die evangelisch-reformierte Gemeinde mittlerweile gelernt. Sie ist dabei so etwas wie eine Vorzeigegemeinde. Als einzige der 15 angeschriebenen Einrichtungen hat sie bei Axel Fiedler, dem Seniorenbeauftragten der Stadt, um Rat gefragt.

Und der hat gleich das Forschungsinstitut Technologie und Behinderung mit ins Boot geholt.

„Kleine Sachengehen immer“

„Klar, dass man eine 150 Jahre alte Kirche nicht plötzlich nach DIN machen kann“, sagt Rainer Zott vom Forschungsinstitut, das zur Evangelischen Stiftung Volmarstein gehört, „aber kleine Sachen gehen immer.“ Jetzt prüft das Presbyterium die Anschaffung von Rampen für den Zugang. Und ein Handlauf könnte das Besteigen des Altarraums leichter machen.

Das muss nicht alles sein. Ringschleifen in der Kirche könnten die Predigten drahtlos zu den Trägern von Hörgeräten tragen, die Toilette im Gemeindehaus ist zwar ebenerdig, könnte aber mit Haltegriffen und einem Notrufsystem nachgerüstet werden. „Man muss sich Gedanken machen“, weiß Johann-Christian Grote, „aber auch Geld in die Hand nehmen.“ Der Abbau von baulichen Barrieren fügt sich ein in einen größeren Bewusstseinswandel. Pfarrer Grote: „Kirche fragt sich immer mehr, wen sprechen wir an – und wen schließen wir aus?“

Klaus Görzel

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