Herr Jüngst hat jetzt für immer Sommerferien

Gerhard Jüngst war 19 Jahre lang stellvertretender Schulleiter der Friedrich-Harkort-Schule in Herdecke.
Gerhard Jüngst war 19 Jahre lang stellvertretender Schulleiter der Friedrich-Harkort-Schule in Herdecke.
Foto: Valentin Dornis
Was wir bereits wissen
Der Lehrer und stellvertretende Schulleiter der Friedrich-Harkort-Schule geht in den Ruhestand.

Herdecke..  „Herr Jüngst, ich will nicht stören. Aber haben Sie meine Klausur hier?“ fragt die Schülerin, die während des Gesprächs in den Raum kommt. Selbstverständlich hat er das, und selbstverständlich stört die Schülerin nicht — denn bei Gerhard Jüngst ist die Tür immer offen für jeden, der ein Anliegen hat.

Seit 19 Jahren ist er stellvertretender Schulleiter der Friedrich-Harkort-Schule, und in seinem Büro neben dem Eingang zum Gebäude sieht es ganz normal aus. Dabei hat Jüngst nur noch fünf Schultage, bis seine Laufbahn als Lehrer endet. Ob er schon angefangen habe, Bilderrahmen abzuhängen? Jüngst deutet mit der Hand in den Raum: „Nein, es ist alles wie immer. Offiziell bin ich ja auch noch bis zum 31. Juli Lehrer“, sagt er und muss selbst ein bisschen schmunzeln.

Lehrer aus Leidenschaft

So richtig ist er nämlich noch nicht eingestellt auf den Abschied. Schließlich war Jüngst immer Lehrer aus Leidenschaft, schon als Student: Kaum hatte er sein Staatsexamen, stieg er auch schon in den Beruf ein. Mitten im Winter, denn der Lehrermangel in Mathematik war 1980 so groß, dass er noch vor der üblichen Einstellungsfrist starten konnte. Erst im neuen Schuljahr wurde er dann verbeamtet und landete an der Friedrich-Harkort-Schule in Herdecke. „Da wollte ich eigentlich gar nicht hin, als gebürtiger Paderborner hatte ich mich eigentlich woanders hin beworben“, sagt Jüngst. Doch mit der Ruhrstadt konnte er sich schnell anfreunden, auch weil er sich an seinem Arbeitsplatz sofort wohlfühlte. Schon im ersten Jahr wurde er SV-Lehrer, also Kontaktperson des Kollegiums für die Schülervertretung. „Das hat mir immer am meisten Spaß gemacht, viel mit den Schülern zusammen zu arbeiten“, erzählt der 63-Jährige. Schließlich lerne man sie so am besten kennen: „Wenn man sich mit dem Schüler als Person gut auseinandersetzt, macht es die Arbeit leichter. Das hat sich über all die Jahre nicht verändert.“

Ansonsten hat sich im Laufe seiner Berufslaufbahn aber so viel geändert, dass es den Rahmen dieses Textes sprengen würde, das in aller Ausführlichkeit zu diskutieren: große Reformen wie die Einführung von Nachmittagsunterricht, das Abitur nach 12 Schuljahren, umfangreiche Berufsorientierung. Hinzu kamen Veränderungen an der Schule selbst, zum Beispiel am Personal: „Am Anfang gab es sehr wenige Frauen, die unterrichteten. Mittlerweile sind sie deutlich in der Überzahl.“ Die größte personelle Veränderung für ihn persönlich war aber der Schritt zum stellvertretenden Schulleiter im Jahr 1996.

Dass er nun 19 Jahre auf dieser Stelle blieb, ist ungewöhnlich – für Gerhard Jüngst allerdings nicht. Denn der Lehrer ist keiner, der den Stellvertreterposten als Karrieresprungbrett nutzen wollte. „Ich habe mich immer in erster Linie als Lehrer gesehen. Als Schulleiter muss man ja auch das Personal managen, die Schule repräsentieren, Reden halten und solche Dinge.“ Und solche Dinge sind nichts für ihn. Denn Jüngst steht nicht so gerne im Mittelpunkt. Im Gespräch sagt er immer wieder: „Aber das brauchen sie nicht zu schreiben.“ Denn die, die ihn an der Schule erlebt haben, wissen schließlich, wie er ist und was er kann. Und das genügt ihm. „Es reicht doch, wenn man mit seiner Arbeit hier zufrieden sein kann“, sagt er und lacht. Seine gute Laune lässt er sich nicht nehmen, auch wenn immer ein bisschen Wehmut mitschwingt, wenn es im Gespräch um die Zeit nach dem 31. Juli geht. Pläne hat er noch nicht, nur ein bisschen Urlaub in Griechenland, ein bisschen mehr Zeit für die Lebensgefährtin. Und dann? „Mal schauen. Herumsitzen werde ich sicher nicht. Aber ich mache einen Schritt nach dem anderen, noch bin ich ja ein paar Tage Lehrer.“ Im neuen Schuljahr wird sein Büro allerdings schon von jemand anderem besetzt. Herr Jüngst, wie ihn die Schüler nennen, hat dann schon für immer Sommerferien.