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Medizin

Herdecker Modell als Vorbild für Medizin-Studium

26.01.2016 | 21:00 Uhr
Herdecker Modell als Vorbild für Medizin-Studium
Auf Einladung der Gesellschaft für Pluralismus in der Medizin war Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (Mitte), zu Gast im Herdecker Gemeinschaftskrankenhaus. Diskutiert hat er mit Dr. Friedrich Edelhäuser, Leiter Integriertes Begleitstudium Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/Herdecke (li.), Professor Peter Heusser, Lehrstuhlinhaber für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der U W/H (2.v.li.), sowie Prof. Gisela Fischer und Peter Meister, Mitglieder des Dialogforums Pluralismus in der MedizinFoto: Susanne Schlenga

Herdecke/Berlin.   Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen, hat die Auswahlkriterien für Medizinstudenten an der U W/H gelobt.

Was macht den guten Arzt aus? Der Notenschnitt von 1,0 bis 1,3 im Abitur, der heute für ein Medizin-Studium notwendig ist, oder vielleicht eine besondere Gabe, auf Menschen zuzugehen? Fragen, die sich auch Dr. Andreas Gassen, seit zwei Jahren Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), stellt und auf die er Antworten zum Beispiel in Herdecke sucht. Auf Einladung von Peter Meister, langjähriger Geschäftsführer des Gemeinschaftskrankenhauses (GKH) und heute Vorstandssprecher der Gesellschaft für Pluralismus in der Medizin, hat sich Gassen mit Vertretern der Universität Witten/Herdecke und deren Ausbildungskrankenhaus, dem GKH, zusammengesetzt.

Mangel an Allgemeinärzten

Gemeinsames Fazit: Es gibt zwar genug Ärzte, aber sie sind nicht nur räumlich schlecht verteilt, sondern auch bei der Abdeckung der Fachgebiete hapert es. „Wie viele fehlen, lässt sich nicht seriös sagen“, betont Andreas Gassen. Doch klar ist, dass sich der Mangel an Allgemeinmedizinern kaum noch aufholen lässt. Und auch in vielen Fachgebieten sei der Altersschnitt sehr hoch. „Da werden in den kommenden Jahren viele Praxen ohne Nachfolger bleiben“, so Gassen.

Als Lösung des Problems, die Zahl der Studienplätze aufzustocken, sieht Gassen kritisch. „Wir haben genug Ärzte“, sagt der KBV-Vorstand. Nur lassen sich immer weniger Mediziner nieder. Auch das sei, so Gassen, eine Folge der Orientierung am Notenschnitt der Studienanfänger. „Das sind oft Menschen, die dann an Kliniken Karriere machen oder in die Forschung gehen“, meint Gassen.

Zumal die Ausbildung zum Allgemeinmediziner inzwischen ebenso lange dauern würde wie ein Facharztabschluss. Das mache die Allgemeinmedizin für viele weniger attraktiv, dabei bekomme der Arzt dort genau das, was vor dem Studium vielleicht für ihn der Grund war, Mediziner zu werden: den direkten und nachhaltigen Kontakt zum Patienten.

Nah am Menschen, so wünscht sich der KBV-Vorstand die Ausbildung angehender Mediziner. Ein Konzept, das die Uni Witten/Herdecke mit dem Gemeinschaftskrankenhaus seit Jahrzehnten erfolgreich betreibt. Schon bei der Auswahl der Studenten geht es nicht nur um Noten, sondern auch um soziale Kompetenzen. „Das wäre wünschenswert für alle Universitäten“, sagt Gassen, hält es aber nicht für realisierbar.

In Herdecke geht es darum 42 Studienanfänger pro Semester auszuwählen, an großen Universitäten sind es fünf bis sechs Mal so viele. „Da ist eine persönliche Auswahl nicht mehr leistbar“, so Gassen. Dennoch hofft er, dass sich mehr Wege finden lassen, auch Studenten mit schlechterem Notenschnitt, dafür aber mit besonderem Talent für den Arztberuf, zum Studium zuzulassen.

Keine Nachfolger

Strukturfragen sind es also, die schon zum Beginn einer Medizinerkarriere Einfluss auf das deutsche Gesundheitssystem nehmen. Strukturfragen sind es auch, die bei der Frage der Niederlassung die Verteilung von Ärzten auf Stadt und Land beeinflussen. Grundsätzlich gibt es in Deutschland eine Land-Stadt-Bewegung sowie eine Verschiebung von Bevölkerungsströmen von Ost nach West. Folge: Im ländlichen Osten drohen die Versorgungsstrukturen zusammenzubrechen, aber auch schon Regionen wie das Sauerland haben damit zu kämpfen, dass Mediziner keine Nachfolger für ihre Praxen finden. „Wo es keinen Bäcker mehr gibt, da will auch kein Arzt leben“, nimmt der Vorstand der KBV allerdings seine Kollegen in Schutz.

Flexible Strukturen schaffen

Für den ländlichen Raum müssten flexible Strukturen geschaffen werden. „Da kann der Augenarzt einmal in der Woche eine Sprechstunde anbieten, wenn er sich anderswo eine Praxis mit anderen teilt.“ Zudem müsse auch nicht jede Versorgung durch einen Arzt vorgenommen werden. Der Einsatz von Versorgungsassistenten könne Ärzte entlasten und so Freiräume schaffen. Kritisch sieht Gassen auch die deutsche Mentalität, mit jedem Schnupfen zum Arzt zu gehen. Und dann ist er sich für eine Plattitüde nicht zu schade: „Eine Grippe dauert mit Arzt eine Woche und ohne sieben Tage.“

Die Gesellschaft für Pluralismus in der Medizin sucht bei einem 2000 ins Leben gerufenen Dialogforum regelmäßig das Gespräch mit Funktionären im Gesundheitswesen.

Ziel ist, ein freiheitliches Gesundheitswesen zu fördern und die integrative Medizin – das heißt die Verbindung von so genannter Schulmedizin mit komplementärer Medizin – zu stärken.

So soll die bestmögliche Patientenversorgung gefördert werden.

Informationen zum Dialogforum gibt es unter www.dialogforum-pluralismusindermedizin.de.

Infos zur Gesellschaft für Pluralismus in der Medizin und zur Mitgliedschaft finden sich unter http://www.gpm-org.de

Susanne Schlenga

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2016-01-26 21:00
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