Grundschulen beklagen immer mehr Personalprobleme

Immer mehr Grundschulen auch in Wetter und Herdecke kämpfen darum, dass so wenig wie möglich Unterricht ausfällt.
Immer mehr Grundschulen auch in Wetter und Herdecke kämpfen darum, dass so wenig wie möglich Unterricht ausfällt.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Zu zunehmenden Anforderungen kommen an Grundschulen steigende Personalsorgen wegen Krankheiten und Elternzeit. Dabei gibt es keinen Lehrermangel.

Wetter/Herdecke..  Doris Kestner war eine Lehrerin, die für ihren Beruf gebrannt hatte. Fast 40 Jahre lang unterrichtete die gebürtige Hagenerin an verschiedenen Grundschulen. Sie arbeitete sowohl in ihrer Heimatstadt als auch in Witten und Volmarstein. „Meinen Beruf empfand ich als Berufung“, erzählt die zweifache Mutter. „Ich hatte mir sogar mal vorgestellt, nach meiner Pensionierung an Schulen bei Engpässen auszuhelfen und etwa bei Projekten die jüngere Generation zu unterstützen.“ Das sei für sie heute nicht mehr denkbar.

Schon zu ihrer Zeit sei die Arbeit immer bedrückender geworden. „Es gab Kinder, die morgens in Schlafanzug und Gummistiefeln in die Schule kamen. Viele hatten ihre Arbeitsmaterialien nicht dabei. Erziehung durch das Elternhaus war nicht mehr selbstverständlich, uns Lehrkräften lief vor lauter Zusatzaufgaben zunehmend die Zeit davon“, so Kestner, die miterlebte, wie ab dem Jahr 2000 die ersten Burnout-Fälle bei Kolleginnen auftraten. Mittlerweile seien die Unterrichtsbedingungen noch härter geworden, sagt die frühere Lehrerin. Und wirkt froh, dass sie nichts mehr mit dem Grundschulbetrieb zu tun hat.

Amtierende Schulleiterinnen wie Regina Lensing finden die Zurückhaltung der pensionierten Kräfte schade. Die Rektorin des Grundschulverbunds Esborn-Wengern kann sich den ehrenamtlichen Einsatz pensionierter Lehrer als zusätzliche Unterstützung etwa in Arbeitsgemeinschaften gut vorstellen.

Langfristig und chronisch

Sie plagt aber seit längerem ein viel größeres Personal-Problem: „Wir haben im Kollegium noch nie so viele Ausfälle gehabt wie im laufenden Schuljahr“, klagt Lensing, die seit 24 Jahren in Esborn unterrichtet. „Es gibt neben den üblichen Veränderungen durch Schwangerschaft und Elternzeit in den letzten Jahren vermehrt Ausfälle durch langfristige und chronische Erkrankungen.“ Dadurch entstehe das Gefühl eines Grundschullehrer-Mangels, der in Nordrhein-Westfalen offiziell nicht existiert. Ein Sprecher des Ministeriums für Schule und Weiterbildung verweist auf jüngste Prognosen zum NRW-Lehrerarbeitsmarkt mit Einstellungschancen bis 2030. Demnach kommen auf durchschnittlich 1250 freie Stellen für Grundschullehrer etwa 1400 Bewerber.

Für Personalberater Emanuel von Stosch aus Wetter ist dieses Verhältnis aus Arbeitgebersicht „ein Fall von beschränkten Wahlmöglichkeiten“, für den öffentlichen Dienst jedoch ein Fall von „eingeschränkten Beschäftigungsmöglichkeiten“. Also weist das Landesministerium in der Prognose darauf hin, dass für Grundschulpädagogen je nach fachlicher Ausrichtung und persönlicher Neigung zum Beispiel auch an Sekundarschulen gute Beschäftigungsmöglichkeiten bestehen. Weil sinkende Zahlen aus den Eingangsklassen von Grundschulen die Aussichten für Primarstufen-Lehrkräfte auf dem Papier nicht gerade verbessern, werden weiter Grundschul-Lehrer unbefristet eingestellt. Es sind aber nicht genug, um an jeder Grundschule die Wochenstunden-Vorgaben problemlos einzuhalten.

Alle EN-Planstellen besetzt

Das bekommt durch Krankheitswellen auch der Schulamtsbereich Ennepe-Ruhr-Kreis zu spüren, wo es trotz vieler personeller Engpässe derzeit keine unbesetzte Stelle für Grundschullehrer gibt. Die Schulräte in Schwelm wissen aber genau um die schwierige Lage an Grundschulen etwa in Wetter und Herdecke. Sie räumen ein, dass es vielerorts einen temporären Personalmangel wie in Esborn gibt. Ausfälle von kreisweit 16 Stellen könne man trotz einer Vertretungsreserve nicht immer durch Abordnungen, Versetzungen oder befristete Neueinstellungen kompensieren. Die Schulräte ergänzen, dass zurzeit zudem „keine Bewerbungen für befristete Stellen vorliegen“.

Die Lage bleibt angespannt, was viele Grundschulen auch klar kommunizieren. „Wir haben in intensiven Gesprächen der Elternschaft transparent gemacht, warum nicht alle Stellen durch Ersatzkräfte besetzt werden konnten“, sagt Matthias Wittler. Der Sonderpädagoge an der Grundschule im Dorf in Herdecke erlebte dort Wochen mit vorübergehend drei „Ausfallstellen“ wegen Schwangerschaften oder Langzeiterkrankungen. Gerade in diesen Zeiten sei der Austausch mit den Eltern wichtig. Denn reduzierte Stundenpläne und häufig wechselnde Ansprechpartner sind laut Alexander Müller, stellvertretender Schulpflegschaftsvorsitzender im Verbund Esborn-Wengern, für viele Väter und Mütter ein rotes Tuch. Selbst wenn durch Vertretungskonzepte kein Unterricht ausfällt, sorgen sich die Eltern um die Leistungen oder das Wohl ihrer Kinder.

Solche Ängste will Schulleiterin Lensing zerstreuen: „Kinder stellen sich in der Regel schnell auf neue Lehrkräfte ein. Auswirkungen auf das Befinden oder die Unterrichtsleistungen stellen wir nur vereinzelt bei denjenigen fest, die emotional sehr eng an die Klassenlehrkraft als Bezugsperson gebunden sind.“