Gesund dank Fritzi und Lorchen

Anita Hesse konnte beim Einzug in das Dietrich Bonhoeffer Haus ihre Kanarienvögel mitnehmen
Anita Hesse konnte beim Einzug in das Dietrich Bonhoeffer Haus ihre Kanarienvögel mitnehmen
Foto: WP Michael Kleinrensing
Was wir bereits wissen
Dass Haustiere für Senioren eine enorme Bedeutung besitzen, hat die ESV erkannt und erlaubt nun, dass Bewohner ihre Schützlinge mitbringen. Doch es gibt eine Voraussetzung.

Volmarstein/Eilpe..  Ein Leben lang hat sie sich für andere Menschen krumm gelegt, hat ihren Mann, der vor 16 Jahren gestorben ist, umsorgt, und anschließend ihren dementen Lebensgefährten gepflegt: „Seine Krankheit hat mich sehr in Anspruch genommen.“ Irgendwann konnte Anita Hesse (80) selbst nicht mehr, sie brach mit einer Lungenembolie zusammen und kam nach einer Thrombose im linken Bein haarscharf mit dem Leben davon.

Zum ersten Mal war die Frau, die immer anderen geholfen hatte („Das steckt in mir drin“), selber hilflos. Nach der Klinik kam sie ins Heim. Sie wählte das Dietrich-Bonhoeffer-Haus der ESV in Eilpe, weil sie bei einem früheren Besuch festgestellt hatte, wie liebevoll die Bewohner dort umsorgt werden: „Damals habe ich mir vorgenommen: Wenn du mal in ein Altenheim musst, dann in dieses.“

Stundenlang vor dem Käfig

Jetzt lebt Anita Hesse in einem Einzelzimmer im ersten Stock mit Blick auf die viel befahrene Eilper Straße. Aber das Geschehen dort unten interessiert sie nicht sonderlich. Viel lieber beschäftigt sie sich mit Fritzi und Lorchen, ihren beiden Kanarienvögeln. Stundenlang kann sie vor dem Käfig sitzen, um dem Gezwitscher der schönen Sänger zu lauschen oder sie mit Körnern und Salat zu füttern. Wenn sie die grünen Blätter durch die Käfigstangen reicht, kommen die Vögel eilends herangeflattert, um von der frischen Kost zu naschen. Dass sie Fritzi und Lorchen mit ins Heim nehmen durfte, ist für Anita Hesse der Gipfel des Glücks: „Ja, ich bin hundertprozentig glücklich. Die Vögel bedeuten mir sehr viel. Ich hatte immer Tiere.“

Dass Haustiere für Senioren eine enorme Bedeutung besitzen, hat auch die Evangelische Stiftung Volmarstein, zu der das Dietrich-Bonhoeffer-Haus gehört, erkannt. „Für viele alte Menschen sind ihre Haustiere ein wichtiger Bezugspunkt und quasi Familienangehörige“, erläutert Professor Bernd Kwiatkowski, Leiter des Geschäftsbereichs Altenhilfe. Den Menschen die Tiere wegen des Umzugs in ein Heim wegzunehmen, sei nicht nur schlimm: „Es sorgt für traurige oder sogar depressive Momente.“

Deshalb sind Haustiere jetzt in allen Senioreneinrichtungen der Stiftung erlaubt. Nicht nur Singvögel, wie sie Anita Hesse besitzt, dürfen neue Heimbewohner mitbringen, sondern auch Kaninchen, Fische oder Hunde. Einzige Voraussetzung ist, dass sich die Bewohner nach wie vor selbst um ihr Tier kümmern können, einen Hund also auch Gassi führen. „Unser Personal wäre überfordert, allen Tieren gerecht zu werden“, erklärt Nicole Kötter, stellvertretende Leiterin des Bonhoeffer-Hauses. Doch sie betont, dass die Bewohner durch die eigenständige Versorgung ihrer Tiere weiterhin eine verantwortungsbewusste Aufgabe haben, was psychologisch und therapeutisch unschätzbar wichtig sei. Mit welchen weiteren positiven Eigenschaften sich das Zusammenspiel von Haustieren im Alter in den Altenheimen auswirkt, will die Evangelische Stiftung mit einer langfristig angelegten Beobachtungsstudie belegen.

Vorteilhafte Auswirkungen

Im Fall von Anita Hesse sind die vorteilhaften Auswirkung unübersehbar. „Wie eine Mama um ihre Kinder, so kümmert sie sich um ihre Vögel“, hat Angelika Nilges vom Sozialen Dienst erkannt: „Die Tiere sind Gesprächspartner und verleihen ihr das Gefühl, etwas Wert zu sein.“

Dass sie der alten Dame viel bedeuten, haben die Piepmätze offenbar selbst erkannt. Als Anita Hesse zusammenbrach, riss sie den offenen Vogelkäfig um, Fritzi und Lorchen konnten durch das offene Tor entkommen. Doch anstatt auf Nimmerwiedersehen davonzufliegen, blieben sie bei der Seniorin sitzen, Fritzi zupfte ihr sogar an den Haaren: „So als wollte er mich auffordern, doch wieder aufzustehen.“ Ja, Anita Hesse hätte es wohl das Herz gebrochen, wenn man ihr die Vögel nach dem Einzug ins Heim weggenommen hätte.