Geschundene Seelen wagen den Blick zurück
10.04.2008 | 17:52 Uhr 2008-04-10T17:52:45+0200Wetter. Berichte vom Leid der Kinder im Johanna-Helenen-Heim der Nachkriegszeit lassen sich jetzt auch im Internet nachlesen. Zusammengestellt hat sie die Freie-Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006. ...
... "Wenn es Ihre Nerven nicht zulassen, dann brechen Sie an dieser Stelle einfach ab", rät sie ihm Vorspann zu den knapp 20 Einzelschicksalen - nicht ohne Grund. Von Klaus Görzel "Auf dieser Homepage werden Verbrechen dokumentiert. Verbrechen an Kindern. und, was ganz schlimm ist, Verbrechen an den Hilflosesten von ihnen, nämlich an körper- und geistigbehinderten Kleinkindern und Kindern." So schreibt Helmut Jacob, Vorsitzender der Freien Arbeitsgruppe, und warnt noch einmal: Diese Seiten sind "nichts für schwache Nerven". Wer allerdings die Kraft aufbringt, die erschütternden Erinnerungen zu lesen, der kann seine Empfindungen äußern - oder vielleicht sogar eigene Erfahrungen beisteuern, so jedenfalls die Hoffnung der Gruppe, die sich vor anderhalb Jahren gegründet hat.
Im Sommer 2006 hatte sich die Evangelische Stiftung Volmarstein, Rechtsnachfolgerin der früheren Orthopädischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten, in einer ersten "Volmarsteiner Erklärung" zu den Zuständen in den Jahren 1947 bis 1967 geäußert. "Wir versichern den betroffenen Menschen, dass wir ihre Schilderungen ihrer Kindheit für glaubwürdig halten und ihre Zeugnisse lebendig erhalten. Sie werden archiviert, um sie der Gegenwart und Zukunft zugänglich zu machen im Sinne des ,Nie wieder wie einst'," findet sich ein Zitat aus der Erklärung auf der Eingangsseite der Homepage.
Allerdings ging und geht den Mitgliedern der Freien Arbeitsgruppe diese Erklärung nicht weit genug. Zudem gibt es einen umfangreichen Forderungskatalog an die jetzige Spitze der Evangelischen Stiftung Volmarstein. Diese hat sich aber beispielsweise der Forderung nach einer Gedenktafel oder unmittelbaren Wiedergutmachungszahlungen widersetzt. "Lebendige Mahnmale" wie die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit im Zuge der Mitarbeiterausbildung seien wichtiger als Steintafeln, so ESV-Vorstand Pfarrer Jürgen Dittrich. Wiedergutmachung kann er sich nur im Rahmen eines breiter angelegten Entschädigungsfonds für Missstände in kirchlichen Einrichtungen vorstellen. Die Diskussion darüber läuft. Allerdings ist ein Historiker von der ESV beauftragt, die Zustände im Johanna-Helenen-Heim der unmittelbaren Nachkriegsjahre zu erforschen.
"Die heutige Evangelische Stiftung Volmarstein hat sich nicht schuldig gemacht!", stellt die Freie Arbeitsgruppe mit Blick auf die "Gewaltorgien an Kindern" in den Jahren 1953 bis 1967 fest, begannen von Diakonissen und Lehrerinnen an ihren Schutzbefohlenen. Etwa vierzig bis sechzig Kinder hätten alle Facetten der Gewalt erlebt. "An ihnen wurde physische, aber auch psychische und auch, was sich erst in dem letzten Jahr herausgestellt hat, sexuelle Gewalt ausgeübt."
Dokumentation der Aufarbeitung
Die heutige Evangelische Stiftung Volmarstein ist bei der Dokumentation im Internet dennoch nicht außen vor: Festgehalten ist auch, wie sie die Aufarbeitung aus Sicht der Freien Arbeitsgruppe bisher betrieben hat.
Von der "Hölle" von Volmarstein war in einem Leserbrief an eine kirchliche Wochenzeitung die Rede, ganz am Anfang der öffentlichen Beschäftigung mit den Missständen in der Orthopädischen Anstalt von damals. Es hat sie aber auch in diesen schweren Zeiten gegeben, "jene jungen Männer und Frauen, die - selbst in einem Abhängigkeitsverhältnis - den Verbrechern zwar nicht die Arme festhalten konnten", heißt es auf einer Seite mit Fotos der "Engel von Volmarstein". Sie fanden Wege, "die Leiden zu lindern und Geschundene zu trösten."
www.gewalt-im-jhh.de
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