Geschichten vom Krieg gehörten zur Kindheit

Hannelore Althoffs Mutter hat als 19-Jährige bei der Demag in Wetter Granaten gedreht, der Vater war Flieger.
Hannelore Althoffs Mutter hat als 19-Jährige bei der Demag in Wetter Granaten gedreht, der Vater war Flieger.
Foto: WP

Wetter..  Der erste Weltkrieg war einen Monat vorbei, da gaben sich Hedwig Kuserow und Peter Mannel in Wetter das Ja-Wort. Als sechs Jahre später Tochter Hannelore zur Welt kam und schon früh die Erzählungen der Erwachsenen aufsog, war der Krieg immer noch ein großes Thema: Ihr Vater war unversehrt aus den Schlachten zurückgekehrt, die Mutter hatte Granaten bei der Demag gedreht.

Ein Foto zeigt die Mutter von Hannelore Althoff als 19-Jährige. „Damals wurden junge Frauen dienstverpflichtet“, erinnert sich die Wetteranerin. Der Betrieb, das war die Demag, in der Zeit des ersten Weltkrieges auch ein Rüstungsbetrieb. Wenn Jahre später Hannelore Althoff an der Hand ihrer Mutter durch die Stadt ging, gab es immer wieder freundliche Begegnungen mit anderen Frauen und dazu die Erklärung der Mutter: „Ja, wir kennen uns alle von der Demag“.

1917 war das schlimmste Hungerjahr

Bei der Demag beschäftigt war auch Hannelore Althoffs Vater. Schlosser hatte er gelernt. Ein „Hinreichend“ bescheinigte ihm das Zeugnis der Daimler-Motorenschule in Untertürkheim-Wangen in der Theorie und in der Praxis. Dann musste der 24-Jährige zum Militär. Als Flieger gehörte er zum Kampfgeschwader 4, Staffel 23, das in Frankreich stationiert war.

Bilder zeigen ihn vor einem Doppeldecker, mit Kameraden an einer Feldbahn, aber auch als Musikanten. „Die Weste hat er mit nach Hause gebracht, da haben wir als Kind mit gespielt“, lacht Hannelore Althoff und zeigt auf das Foto eines Mannes, der so warm eingepackt ist wie ein Eskimo. „Das war kalt hoch oben in der Luft“, weiß die Tochter des Fliegers, die sich heute noch wundern kann, „was für primitive Kisten das waren“, mit denen die Männer in den Luftkampf zogen.

Wie oft das bei ihrem Vater der Fall war und in welcher Mission? Nein, dazu kann Hannelore Althoff nichts sagen. Aber andere Dinge sind der heute 89-Jährigen im Gedächtnis geblieben. So die Geschichte von den Musikinstrumenten, die der Vater im Rahmen eines Sonderurlaubes in Hagen zu kaufen hatte, damit in Frankreich eine Musikkapelle ausstaffiert werden konnte. In Erinnerung geblieben sind ihr auch die Erzählungen von 1917 als dem schlimmsten Hungerjahr des Krieges: „Es gab nur Steckrüben zu essen, in allen Varianten: gekocht als Gemüse, geschnitzelt und getrocknet und auch noch gerieben als Kaffee-Ersatz.“

Immer wieder ist ihr Vater auf Aufnahmen aus dem Krieg zu sehen. Er muss sie erbeten haben, oder vielleicht war es gar nicht so unüblich, sich die Erinnerungen an die Militärzeit gegenseitig zuzusenden. Schöne Erinnerungen waren es weiß Gott nicht immer: Auf einem der Fotos ist gerade eine Maschine zu Bruch gegangen, der tote Pilot liegt nur notdürftig bedeckt neben dem Trümmerhaufen.

Glücklich vereint

Und auch an den Flieger Johann Pelzer aus Wetter erinnert eine Aufnahme. Sie zeigt ein schlichtes Holzkreuz mit frischen Kränzen auf einem Feld von Kreuzen. „Mein Vater hat erzählt, dass Pelzer gefallen ist.“ Wenn die Eltern und Großeltern vom Krieg gesprochen haben, hat die kleine Hannelore die Ohren gespitzt.

Hat sie davon gehört, dass damals viele Deutsche meinten, ihre Armeen seien im Felde nicht geschlagen und von der Heimat verraten worden? War von dem nie dagewesenen Sterben in den Schützengräben die Rede? „Nein“, sagt Hannelore Althoff ohne lange zu überlegen, „die waren alle einfach nur froh, dass sie wieder heil beisammen sind.“