Fotos halten bei Familie aus Wengern Erinnerung wach

Marga Kollmann aus Wengern hütet einen Schatz mit Fotos aus dem 1. Weltkrieg.
Marga Kollmann aus Wengern hütet einen Schatz mit Fotos aus dem 1. Weltkrieg.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Helma Kollmann war elf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg endete. Aber die Fotos ihrer Großfamilie halten die Erinnerung auch an den Ersten Weltkrieg wach.

Wengern..  In ihrem Kopf hat sie die Bilder des zweiten Weltkrieges. Fünf Jahre war Helma Kollmann, als er ausbrach, elf, als er endete. Doch auch von der großen Völkerschlacht davor kann sie sich ein Bild machen: Dutzende von alten Fotos zeigen Männer in Uniform. Meist sind sie ernst für den Portraitfotografen, mal scheinbar entspannt bei der Truppe. So viele Geschichten die Wengeranerin auch zu erzählen weiß: Immer wieder werden die jungen Männer zu namenlosen Soldaten, lässt sich ihr Weg in die Alben der Großfamilie nicht mehr nachverfolgen.

164 Nachkommen haben die Urgroßeltern einer Linie bis heute gehabt. Da verwundert es fast, dass der Tod im ersten Weltkrieg nur vier Mal zugeschlagen hat. Ein Bruder der Oma kam um, ein Schwager, ein Sohn, und ein weiterer Schwager wurde vermisst. „In treuester Pflichterfüllung für Kaiser und Reich starb am 25. Mai infolge eines Kopfschusses unser innigstgeliebter Sohn“, teilt die Familie Wilhelm Wacholder im Juni 1915 in stiller Trauer mit. 20 Jahre und 9 Monate ist Musketier Fritz Wachholder von der 9. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 264 geworden, der Onkel von Helma Kollmann.

Das tote Pferd interessiert das Kind

Die jüngste Tante war gerade vier, als die Todesnachricht in Wengern eintraf. Eine Erinnerung an den großen Bruder hatte sie nicht, wohl aber daran, wie sich ihre Eltern von der schrecklichen Gewissheit wie gelähmt auf die Treppe setzen mussten „und sich stundenlang nicht weggerührt haben“. Getrauert wurde auch um Fritz Robbert, den Bruder der Oma von Helma Kollmann. Eine Aufnahme zeigt ihn vor seinem Friseurgeschäft, dem ersten dieser Art in Wengern.

Einige Geschwister der Mutter blieben ohne Nachkommen. Teil ihrer Hinterlassenschaft waren die Fotoalben, die die Nichte zum Teil schon aus ihrer Kinderzeit kannte. Eines davon hatte sie damals immer wieder zur Hand genommen, darin ein Bild aus umkämpftem Gebiet. „Nicht wegen der Menschen“, sagt sie, „viel interessanter war das tote Pferd im Vordergrund.“

Kinderfotos, Familienfotos, Turnstunden und Szenen aus der Backstube. Private Bilder mischen sich mit Soldatenfotos aus der Etappe, Aufnahmen von herausgeputzten Männern mit Schirmmütze und Koppelschlössern vor dem Bauch – ganz so, wie sich Alltag und Krieg in dieser Zeit durchdrungen haben, wie aber auch Großfamilie und Familienbetrieb nicht zu trennen sind. Daher die vielen Aufnahmen von jungen Soldaten, die wohl Lehrlinge waren und ohne Namen auf den Seiten der alten Alben stehen, das Gewehr bei Fuß.

Viele Tote auch im 2. Weltkrieg

Ein einzelner Abzug ist vorne beschriftet. „Der erste Sonntag in der neuen Kaserne in Altenberg“, steht unter der Gruppenaufnahme. Ein kleines x markiert, wo sich Fritz Wachholder eingereiht hat. „Meine Tante hat die Namen reingeschrieben“, weiß Helma Kollmann. Andere Bilder zeigen an den Ecken, dass auf der Rückseite nach irgendwelchen Einträgen gesucht wurde. Vergeblich. Selbst da, wo der Kleber im Laufe der Jahrzehnte nachgegeben hat, bleibt das Fotopapier von hinten weiß.

„Onkel Wiggers“ kennt sie aber auch so noch, der bei den Großeltern gewohnt hat und nur ein Nenn-Onkel war. Und auch die drei Schwestern aus Wengern weiß Helma Kollmann noch aus dem Gedächtnis unterzubringen: Alle vier Brüder der Mädchen starben im zweiten Weltkrieg. Und so weisen die Aufnahmen aus den Jahren 1914 bis 1918 immer wieder weit über dieser Zeitraum hinaus. Auch Helma Kollmanns Großeltern mussten noch einmal um einen Sohn zittern. 1943 wurde der jüngere Bruder von Fritz Wachholder einzogen. Er kehrte lebend zurück.

Alles aufschreiben

„Mama, Du musst das alles aufschreiben“, sagen die Kinder schon mal, wenn sie bei Helma Kollmann zu Gast sind und in den alten Alben geblättert wird. Ja, das müsste sie wirklich, sagt die Achtzigjährige. Die Familie habe in allen Zeiten zusammengehalten, „und die Bilder halten die Erinnerung daran wach“.