Expertenrat bei Vergiftung kostet Kliniken nun Geld

Ein Kind greift verbotenerweise zu einer Blisterpackung mit Tabletten. Die Folge kann eine Vergiftung sein.
Ein Kind greift verbotenerweise zu einer Blisterpackung mit Tabletten. Die Folge kann eine Vergiftung sein.
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Mit einer Gebühr von knapp 50 Euro pro Fall müssen sich Krankenhäuser seit dem 1. Januar an der Finanzierung der Giftnotrufzentrale in Bonn beteiligen.

Herdecke/Wetter..  Wenn Dr. Martin Marsch zum Telefonhörer greift, geht es in vielen Fällen um Leben und Tod. Der Intensivmediziner am Gemeinschaftskrankenhaus wählt bis zu zwei Mal in der Woche die Nummer der Giftnotrufzentrale in Bonn, um seinen Patienten schnell zu helfen. Seit dem 1. Januar muss die Klinik für diese telefonische Unterstützung zahlen. Knapp 50 Euro werden pro Fall berechnet, „auch wenn es mehrere Telefonate zu einem Patienten gibt“, so die Information von Dr. Carola Seidel, Oberärztliche Leitung der Giftnotrufzentrale.

Für Dr. Marsch steht die fachliche Hilfe für seine Patienten im Vordergrund, die Gebühren, die nun bezahlt werden müssen, sind darum zweitrangig. „Es sind keine Summen, die die Klinik an den Rand ihrer Existenz bringen, aber sie sind im Abrechnungssystem nicht vorgesehen“, so Marsch. Er schlägt vor, die Finanzierung der Giftnotrufzentrale auf ein Umlagesystem umzustellen, damit die wichtigen Informationen weiterhin für alle Nutzer gebührenfrei sein können. Im Düsseldorfer Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter wird solch ein Modell aber zurzeit nicht angedacht. „Aus Sicht des Ministeriums ist zunächst entscheidend, dass die Inanspruchnahme des Notrufs für Bürgerinnen und Bürger kostenfrei bleibt“, heißt es in einer Stellungnahme.

Sparen bei Behandlungskosten

Carola Seidel sieht die zusätzliche Belastung für die Kliniken, die zu den Hauptnutzern des Giftnotrufs gehören. Weiß aber auch um die Vorteile: „Die Häuser sparen durch unsere Unterstützung enorme ­Behandlungskosten“, so Seidel. Denn wenn mit der Erfahrung der Bonner Ärzte ein Krankenhausaufenthalt verkürzt oder sogar vermieden werden könne, sei das eine große Ersparnis. „Nach einer amerikanischen Studie erspart ein Dollar ­Investition in einen Giftnotruf ­sieben Dollar bei der Behandlung.“ Von der schnellen Hilfe, die in manchen Fällen lebensnotwendig ist, ganz abgesehen.

Bislang wurde die Giftnotrufzentrale, die an der Universitätsklinik in Bonn angesiedelt ist, zu einem großen Teil vom Land finanziert. Doch diese Mittel reichen schon lange nicht mehr aus, um rund um die Uhr mit Rat und konkreten Behandlungsplänen Kliniken, niedergelassenen Ärzten und auch Bürgern zur Seite zu stehen. „Zumal es nicht nur um die Präsenz geht, sondern auch um die Arbeit im Hintergrund“, sagt Carola Seidel. Das Team der Giftnotrufzentrale sammelt Informationen aus der ganzen Welt zusammen, macht Behörden und Hersteller auf mögliche Gefahren aufmerksam und steht auch in Kontakt mit der Industrie, wenn Produkte vermehrt zu Anfragen in der Notrufzentrale führen. „Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Medikament schon bei leichter Überdosierung zu Vergiftungserscheinungen führt“, erläutert Seidel. „Es geht also auch darum, im Vorfeld Vergiftungen zu vermeiden.“

Im Studium kein Thema

Die Vielfalt möglicher Vergiftungen ist von einem Klinikarzt allein nicht zu bewältigen, darin sind sich Mediziner und Giftnotrufzentrale einig. „Im Studium wird es nicht gelehrt“, so Seidel. Und die Möglichkeiten, sich mit Substanzen zu vergiften, sind so groß, dass sie nur durch ein zentralisiertes System beherrschbar seien. „Denken Sie allein an die Menge von Arzneien, die geschluckt werden können.“

Schwierig wird es immer dann, wenn Menschen versuchen, sich mit einem Cocktail verschiedener Substanzen das Leben zu nehmen. In der Regel sind es solche Patienten, für die auch Dr. Marsch die Hilfe der Bonner Kollegen in Anspruch nimmt. „Oft wissen wir ja noch nicht einmal genau, was die Person geschluckt hat“, so Marsch. Mit der Schilderung der Symptome lässt sich gemeinsam mit den Experten der Uni-Klinik auch in diesen Fällen ein Behandlungsplan erstellen.

Und der geht heute meist über die klassische Empfehlung „Erbrechen“ hinaus. „Da sind wir viel weiter“, sagt Dr. Seidel. Mussten Kinder, die giftigen Goldregen gegessen hatten, früher die verbotenen Früchte so schnell wie möglich wieder von sich geben, können Mediziner heute auf Substanzen zurückgreifen, die das Gift der Pflanze neutralisieren. Auch ein Ergebnis der Arbeit des Giftnotrufs.