Es kommt Bewegung in die Kinderpsychiatrie

ARCHIV - ILLUSTRATION - SYMBOLBILD - Ein zehnjähriger Junge hält am 02.04.2011 in Arnsberg (Hochsauerlandkreis) beim Erledigen seiner Hausaufgaben seinen Kopf. Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland stellen die Ärzte Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) fest. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu dpa 0540 vom 29.01.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - ILLUSTRATION - SYMBOLBILD - Ein zehnjähriger Junge hält am 02.04.2011 in Arnsberg (Hochsauerlandkreis) beim Erledigen seiner Hausaufgaben seinen Kopf. Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland stellen die Ärzte Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) fest. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu dpa 0540 vom 29.01.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Was wir bereits wissen
Am Herdecker Gemeinschaftskrankenhaus ist mit Dr. Oliver Fricke ein Experte für ADHS und Depressionen im Kindes- und Jugendalter angekommen. Der neue Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie setzt auf Bewegung.

Herdecke..  Seine Patienten könnten bald vor ihrer Krankheit davon laufen. Bewegung als Therapie gegen Depression oder ADHS, das ist für Professor Dr. Oliver Fricke schon jetzt keine Zukunftsmusik mehr. Der Mediziner ist neuer Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Gemeinschaftskrankenhauses (GKH) und von der Universität Witten/Herdecke auf den Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie berufen worden. Mit dem Wechsel von der Uniklinik Köln an die Ruhr verbindet Fricke seinen Forschungsschwerpunkt zur Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) und zur kindlichen Depression mit der praktischen Umsetzung „in einer Klinik, die vom Grundkonzept schon einen integrativen Ansatz hat“, so Fricke. Und das gilt für die Diagnose bis zur Therapie.

Weniger Nebenwirkungen

Und was hat das nun mit dem Laufen zu tun? „Man weiß von erwachsenen Depressions-Patienten, dass körperliche Aktivität, wenn sie nicht zum Stress wird, eine ähnlich gute Wirkung wie Medikamente hat, mit weit weniger Nebenwirkungen“, so Fricke. Diesen Ansatz wolle man nun mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen untersuchen und verstehen, welche Mechanismen für diese Wirkung verantwortlich sind. „Erst dann können wir einordnen, wie welche Krankheit mit diesem Ansatz behandelt werden kann“, erklärt Fricke.

Mit der Heileurythmie gibt es im GKH bereits einen therapeutischen Ansatz, der die Motorik nutzt. Für Fricke und sein Team geraten nun zusätzlich die Effekte von Botenstoffen, die beim Energieumsatz frei werden, in den Blick. „Diese Stoffe können helfen, die Wirkung von Medikamenten oder anderen Therapien zu verstärken und so eine verträglichere Dosierung ermöglichen.“

ADHS ist in den vergangenen Jahren häufig mit dem Titel einer Modekrankheit belegt worden. Anhand des Ritalin-Verbrauchs, dem Medikament, das den ADHS-Kindern ein Funktionieren in Schule und Freizeit ermöglichen soll, wurde die wachsende Zahl der Diagnosen fassbar. Für Oliver Fricke eine problematische Entwicklung, denn ein Großteil der ADHS-Patienten laufe „unter falscher Flagge“. Seit den 1960er Jahren gebe es tatsächlich nur einen sehr geringen Anstieg der Fälle um etwa vier bis sechs Prozent. Fricke will damit alle anderen Patienten nicht aussortieren. „Hier ist eine genaue Diagnostik gefragt, wir wollen Kinder nicht mit einem Label versehen.“ Letztlich gehe es darum, den Kindern eine Perspektive zu eröffnen, die könne aber auch in Maßnahmen der Jugendhilfe oder der Familientherapie liegen.

Mehr Bedarf an Begleitung

Grundsätzlich sieht Fricke einen erhöhten Bedarf an therapeutischer Begleitung, weil sich gesellschaftliche Strukturen so verändert hätten, dass Probleme kaum noch aufgefangen werden. Die Bindungsmöglichkeiten für Kinder seien kleiner geworden, Familien seien nicht immer intakt, es gebe oft kein großes familiäres Umfeld mehr. Entsprechend fehle es an stabilisierenden Faktoren.

Zweitens sei die Taktung schneller geworden. Das bedeutet: hohe Leistungsanforderungen in der Schule und gleichzeitig weniger Zeit, die Eltern mit ihren Kindern verbringen. „Kinder mit Anpassungsschwierigkeiten werden in diesem System eher scheitern.“

Neben den Schwerpunkten ADHS und Depression will die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie künftig auf die unterschiedlichen Anforderungen bestimmter Diagnosen mit Spezialsprechstunden reagieren. So sollen Patienten mit Tic-Störungen, Autismus oder auch Schizophrenie die Aufmerksamkeit der Experten bekommen. In den Blick geraten außerdem bereits Patienten im Kleinkindalter. In Zusammenarbeit mit den Kinderärzten sollen Bindungsstörungen oder autistische Störungen früh erkannt und behandelt werden. „Natürlich mit den Eltern gemeinsam“, betont Fricke und unterstreicht damit noch einmal den ganzheitlichen Ansatz der Therapie.