Es bleibt mehr Zeit für den Menschen

Gemeinsam spielen, basteln oder kochen – dafür soll mit dem Pflegestärkungsgesetz durch Betreuungskräfte wieder mehr Zeit bleiben.
Gemeinsam spielen, basteln oder kochen – dafür soll mit dem Pflegestärkungsgesetz durch Betreuungskräfte wieder mehr Zeit bleiben.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Vom 1. Pflegestärkungsgesetz profitieren Pflegebedürftige und Pfleger, sagt Dr. Bernd Kwiatkowski von der Ev. Stiftung Volmarstein. In seinem Vortrag „Zehn gute Nachrichten“ erklärte er, warum.

Wetter..  Professor Dr. Bernd Kwiatkowski klingt schon fast euphorisch, wenn es um die Zukunft der Pflege geht. Mit dem 1. Pflegestärkungsgesetz werden die Leistungen der Pflegekassen erweitert und die Zahl der Betreuungskräfte in den stationären Einrichtungen erhöht. „Zehn gute Nachrichten: Gewinner sind die Pflegebedürftigen“ hatte der Leiter des Geschäftsbereiches Seniorenhilfe in der Evangelischen Stiftung Volmarstein darum auch einen Vortrag überschrieben, zu dem er gestern Abend ins Haus Magdalena eingeladen hatte.

Vier Prozent mehr – über eine solche Erhöhung würde sich manche Gewerkschaft für ihr Klientel freuen. Die vier Prozent zusätzlich werden in diesem Fall in allen Leistungsbereichen der Pflegeversicherung gezahlt. Finanziert werden diese Erhöhungen „von allen Beitragszahlern“, betont Bernd Kwiatkowski. „Damit wird diese Last solidarisch verteilt.“ Für den Pflege-Experten ist die grundsätzliche Erhöhung nicht nur ein Plus für den Alltag von Pflegenden und Pflegebedürftigen. Sie sei auch eine Antwort darauf, was einer Gesellschaft das Alter wert sei.

Auch Heimbewohner profitieren

Wichtiger Aspekt für den Verantwortlichen für stationäre Pflege: Auch die Leistungen für die Heimbetreuung steigen. Dort profitieren die Bewohner aber vor allem von der Ausweitung der Betreuungsangebote. „Was bisher den Demenzpatienten mit eingeschränkter Alltagskompetenz vorbehalten war, öffnet sich für weit mehr Bewohner“, sagt Kwiatkowski. Das heißt: Spazieren gehen, Basteln oder gemeinsam kochen sind Angebote, die künftig alle Pflegebedürftigen in Anspruch nehmen können.

Pflegende Angehörige

Für die Heime bedeutet das nicht nur mehr Zufriedenheit bei den Bewohnern, sondern auch eine Entlastung der Pflegekräfte. Aufgaben können verteilt werden, Und „wir haben mit der Betreuung die Möglichkeit, auch Pflegekräften, die nicht mehr in der Pflege arbeiten können, einen Arbeitsplatz zu bieten.“

Konkret heißt die Reform des Pflegegesetzes für die Heime: mehr Personal für weniger Bewohner. „Der Schlüssel verbessert sich bei der Betreuung von 1 zu 24 auf 1 zu 20“, sagt Kwiatkowski und fügt an: „Und diese Verbesserung ist auch refinanziert!“ Einziges Manko: Der Markt gibt zurzeit kaum Pflege- und Betreuungskräfte her. Doch ist Kwiatkowski zuversichtlich, dass die Schulen schnell für Nachwuchs sorgen werden.

Für Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause versorgen, bietet das 1. Pflegestärkungsgesetz ebenfalls Entlastungen. So können künftig Leistungen der so genannten Verhinderungs- und Kurzzeitpflege kombiniert werden. Das soll helfen, beim Ausfall eines Pflegenden oder bei kurzfristigem Pflegemehraufwand, zum Beispiel nach einem Krankenhausaufenthalt, flexibel zu reagieren. Zudem ist die Zeit, in der Kurzzeitpflege in Anspruch genommen werden kann, von vier auf acht Wochen verlängert worden.

Kombiniert werden können auch Sachleistungen mit der Tagespflege. Wer ambulante Sachleistungen und/oder Pflegegeld bekommt, kann künftig auch Tages- und Nachtpflege ohne Anrechnung voll in Anspruch nehmen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums steigen in der Pflegestufe III so die Leistungen von bis zu 2325 Euro auf bis zu 3224 Euro monatlich. „Diese Änderungen kommen auch den Tagespflegeeinrichtungen zu Gute, die nun von mehr Menschen in Anspruch genommen werden können“, sagt Bernd Kwiatkowski. Außerdem diene auch das der Entlastung pflegender Angehöriger.

Neue Wohnformen

Gestärkt werden darüber hinaus neue Wohnformen für Senioren, die auch NRW-Landesministerin Barbara Steffens mit ihrem „Masterplan altengerechte Quartiere“ in den Blick genommen hat. „Auch die Evangelische Stiftung bietet inzwischen Wohngemeinschaften in den Stadtteilen als Alternative zu den großen stationären Einrichtungen an“, sagt der Volmarsteiner Pflege-Experte. Eine Entwicklung, mit der die Evangelische Stiftung bereits Erfahrung hat, denn in der Behindertenhilfe ist diese dezentrale Betreuung längst Praxis.

Zweites Gesetz folgt

Zehn gute Nachrichten zum 1. Pflegestärkungsgesetz – kommt da noch mehr? „Mit dem 2. Pflegestärkungsgesetz wird sich vor allem für die dementiell Erkrankten und ihre Pflegenden etwas verbessern, da statt der drei Pflegestufen dann fünf Pflegegrade eingeführt werden sollen“, erklärt Bernd Kwiatkowski. Und dann gibt es in der Pflege nichts mehr zu beklagen? „Es wird sicherlich eine spürbare Entlastung geben“, sagt der Fachmann. Gerade beim Personal sei aber noch immer Luft nach oben.