Erwachsenenbildung soll inklusiv werden

Inklusive Erwachsenenbildung: Im EN-Kreis startet ein von der Aktion Mensch gefördertes Projekt. Vorbilder für behindertegerechte Angebote gibt es zum Beispiel in Düsseldorf, wo geistig Behinderte den Umgang mit Computern lernen.
Inklusive Erwachsenenbildung: Im EN-Kreis startet ein von der Aktion Mensch gefördertes Projekt. Vorbilder für behindertegerechte Angebote gibt es zum Beispiel in Düsseldorf, wo geistig Behinderte den Umgang mit Computern lernen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die Evangelische Stiftung Volmarstein hat ein auf drei Jahre angelegtes Projekt zu Entwicklung eines inklusiven Bildungsangebotes für Erwachsene gestartet.

Wetter..  Lebenslanges Lernen ist eines der Schlagworte, die Politiker in den vergangen Jahren gerne angeführt haben, wenn es um die Herausforderungen einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt ging. Der Begriff Inklusion beschreibt eine zweite Herausforderung an Politik und Gesellschaft. Nun werden beide Begriffe zusammengeführt: Die Evangelische Stiftung Volmarstein startet – unterstützt von der Aktion Mensch – das Projekt „Inklusive Erwachsenenbildung“.

Bedarf abfragen

Wer nun sofort einen dicken Katalog mit Kursangeboten erwartet, die auch körperlich oder geistig eingeschränkte Menschen wahrnehmen können, wird enttäuscht. „Soweit sind wir noch lange nicht“, sagt Projektleiterin Susanne Fischer. Doch am Ende der dreijährigen Projektzeit soll es auf jeden Fall ein konkretes Angebot geben. Und zwar eines, das auch auf die Bedürfnisse der Behinderten zugeschnitten ist. „Wir wollen nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg etwas zusammenstellen, sondern zunächst den konkreten Bedarf abfragen“, so Fischer. Die 50 Wochenstunden, die die Aktion Mensch für drei Jahre finanziert, sind darum auch nicht zu einer Stelle gebündelt worden, sondern verteilen sich auf sechs Köpfe, die unterschiedlichste Erfahrungen in der Behinderten- wie in der Bildungsarbeit mitbringen.

Thomas Krainske ist als Sozialarbeiter schon jetzt mit dem Thema Erwachsenenbildung für Behinderte befasst. Er kennt die Schwierigkeiten, passende Kursangebote zu finden und versucht oft, mit individuellen Lösungen auf die Wünsche Behinderter einzugehen. Mit einer Fortbildung zum Erwachsenenbildner bringt er für das Projekt Erfahrungen mit, die an Multiplikatoren weitergegeben werden sollen. „Wir wollen zum Beispiel bei der Volkshochschule, bei der SIHK oder anderen Anbietern Menschen schulen, wie sie inklusive Angebote erstellen können“, sagt Susanne Fischer. Dieses Wissen könne dann in den einzelnen Organisationen weitergegeben werden. Zum Beispiel auch an die vielen freien Dozenten, die in der Weiterbildung aktiv sind und die für einen inklusiven Lehrauftrag nicht ausgebildet wurden.

Was ein solches inklusives Angebot ganz konkret beinhalten kann, auch das will die Arbeitsgruppe um Susanne Fischer noch klären. Was ist Inklusion, was Behinderung, was Bildung? Alles muss definiert werden, um am Ende Standards für die Lehre anbieten zu können. Und nicht nur dafür. Auch für die Vermittlung der Bildungsangebote braucht es neue Wege. „Mit einem VHS-Katalog im Taschenformat können viele Behinderte nichts anfangen“, sagt Susanne Fischer.

Teilhabe ermöglichen

Das Format muss auch mit körperlichen Einschränkungen nutzbar sein, die Texte sollten in leichter Sprache formuliert werden. Und vor allem muss eine Übersicht über die Angebote überhaupt bei den möglichen Kunden ankommen. „Auch da müssen wir Wege finden, wie diese Menschen teilhaben können.“ Es geht also beim inklusiven Bildungsauftrag nicht allein um den behinderten gerechten Kursus für Italienisch oder Aquagymnastik. „Inklusion kann nur funktionieren, wenn auch alle Zugangsvoraussetzungen passen“, sagt Dr. Frank Herrath, der als Projektkoordinator der Stiftung im Bildungsteam mitarbeitet. Für Herrath beginnt der frei Zugang zur Bildung, den die UN-Behindertenrechtskonvention fordert, darum schon beim Bus, der einen Behinderten zum Kursort bringt. „Auch im Öffentlichen Personennahverkehr müssen sich Dinge ändern, um die Zugänglichkeit zur Bildung zu erleichtern“, sieht Herrath eine Aufgabe der Projektgruppe auch darin, in der Politik um mehr Möglichkeiten für eine Teilhabe zu werben. „Wir werden also am Ende unserer Arbeit nicht nur einen Katalog mit Bildungsangeboten vorlegen, sondern auch einen mit Forderungen, welche Voraussetzungen noch geschaffen werden müssen“, so Frank Herrath.

Kleine Schritte

Wichtig ist allen Projektbeteiligten, dass der Weg zur Bildung in kleinen Schritten zurückgelegt wird. „Es bringt nichts, tolle Angebote zusammenzustellen, die dann niemand annimmt“, sagt Projektleiterin Fischer. Das Thema Bildung müsse erst bei den nun angesprochenen Menschen ankommen. „Lange wurde gar nicht über Bildungsangebote für Erwachsene mit intellektuellen Beeinträchtigungen oder mehrfachen Behinderungen nachgedacht“, so Fischer. Darum geht es zunächst darum, gerade deren Bedürfnisse genau abzufragen. „Menschen mit körperlichen Einschränkungen sind da oft schon besser integriert“, weiß auch Gabriele Uth, die – selbst behindert – als Krankenschwester im Haus Bethanien arbeitet. Es ist also noch ein weiter Weg. Doch der erste Schritt ist gemacht.