Ein rätselhafter Mord erhitzt die Gemüter

Isabel Neuberth erforschte an der Ruhr-Universität Bochum den Mordfall Lackum in Wetter aus dem Jahr 1590
Isabel Neuberth erforschte an der Ruhr-Universität Bochum den Mordfall Lackum in Wetter aus dem Jahr 1590
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Ein Opfer und zwei tote Täter: Vor 425 Jahren erschütterte der Fall Lackum die kleine Stadt Wetter an der Ruhr.

Wetter..  Eine Leiche in der Ruhr, Mord, Folter, Kampf um die Ehre – und all das in Wetter. Diese Dramen mit drei Toten spielten sich hier vor 425 Jahren im Mai und in den Folgemonaten ab. Im doppeldeutigen Sinne eine spannende Geschichte, von der wenige Wetteraner wissen. Doch dank zweier Veranstaltungen an der Ruhr-Universität Bochum und der Bemühungen des Dozenten Ralf-Peter Fuchs, der mit den Studenten die Ergebnisse im Internet veröffentlichte, gerät diese Episode nicht in Vergessenheit.

Da wäre etwa Isabel Neuberth aus Herdecke. Die 28-Jährige zog 2008 nach Wetter und nahm als Lehramtsstudentin im Sommersemester 2009 an der Übung sowie dem Hauptseminar über den Mordfall aus dem späten 16. Jahrhundert teil. „Das war mal was anderes und weckte inmitten vieler Nazi-Themen mein Interesse“, sagt Neuberth während eines Gesprächs am Ruhrufer.

Der lokale und regionale Bezug seien neben der Beschreibung des Falls spannend gewesen. Fuchs hatte es so im Semesterprogramm angekündigt: „Im Mai 1590 entdeckten Bewohner der Freiheit Wetter einen Leichnam, der auf eine Ruhrinsel angetrieben worden war. Die Untersuchung der Todesumstände sollte sich zu einem langwierigen Gerichtsverfahren entwickeln, in das viele Ortsansässige verstrickt wurden...“

Wenig war der Nachwelt bis dato über diesen Mord wegen vermeintlicher Erbstreitigkeiten sowie das Schicksal des im Oktober 1591 gefolterten und dann verurteilten Krämers Georg Lackum (ein Onkel des Getöteten) sowie dessen Sohn Anton bekannt. Der bestätigte während der Folter die Version seines Vaters. Der hatte die Tat nach längerer Tortur zunächst zugegeben, am Gerichtstag aber widerrief der damals etwa 70-Jährige sein Geständnis. Bei einer erneuten Folter nannte er seinen Sohn als Mittäter.

Studenten stellen Ergebnis ins Netz

Also machten sich Fuchs und Studenten über die dazugehörige Reichskammergerichtsakte aus dem Landesarchiv Münster her und transkribierten diese in der Übung. „Die Rechtschreibung war damals fast völlig frei, ein und das selbe Wort tauchen ein paar Zeilen später in ganz anderen Formen wieder auf“, berichtet Neuberth. Die Inhalte der Quelle werteten die Studierenden dann im Hauptseminar aus.

Vor allem der Wortlaut aus dem Schreiben der Familie Lackum zur Wiederherstellung der beschädigten Ehre ist Neuberth noch in Erinnerung. Die Strafe für den Angeklagten, dessen Leichnam man zunächst öffentlich verwesen ließ, wurde lediglich etwas abgemildert. „Auf das Rädern wurde vor der Enthauptung verzichtet“, so die Studentin, die gerade in Elternzeit ist. „Aus heutiger Sicht würden große Zweifel an der Schuld bestehen, zumal Georg Lackum nach der Verleumdung gefoltert wurde und später sein Geständnis widerrief.“

Der eigentliche Hauptverdächtige Jasper von der Ruhr, dessen Haus in der Nähe des Leichenfundorts lag und dessen Dolch als Tatwaffe infrage kam, hatte Lackum schwer belastet. „Wieso der Droste das Verfahren so voran getrieben hat und was seine Motive waren, ist uns hingegen während des Semesters nicht ganz klar geworden“, meint Neuberth. Grundlage für die Lackum-Verurteilung im Dezember 1591 war jedenfalls die Constitutio Criminalis Carolina von 1532, quasi das erste deutsche Strafgesetzbuch. Demnach zog ein Mord aus niederen Beweggründen wie Erbstreitigkeiten die Bestrafung Rädern mit sich, die Abmilderung auf Hinrichtung mit dem Schwert war für „normalen“ Mord vorgesehen.

Bei einem Austausch mit Wetters Stadtarchivar Dietrich Thier ging es vor sechs Jahren auch darum, wo sich das alles abgespielt habe. Vermutlich sei das mit Steinen beschwerte Mordopfer Johann zwischen den beiden heutigen Ruhrbrücken gefunden worden. Es gab damals keine befestigten Übergänge, sondern einen Fährbetrieb an der Freiheit und jenen unterhalb des Dorfes (Alt-Wetter). „Mitstudenten fanden über Namenforschungen heraus, dass es wohl nahe des Dorfes gewesen sein muss“, so Neuberth.

Während dort bäuerliche Strukturen vorherrschten, bildete es mit der Freiheit zwar eine Verwaltungseinheit, doch der Amtssitz des Drosten (die Burg und zugleich Gefängnis) war durch Mauern und Tore geschützt. Dort lebten vor allem Handwerker oder Händler sowie angesehene Leute wie die Mallinckrodts. „Diese und andere Bürger setzten sich nach der Hinrichtung auf der Boeler Heide für die Krämerfamilie Lackum ein.“ Auch in Sachen Religion unterschied sich die protestantisch geprägte Dorfbevölkerung von den vielen Katholiken in der Freiheit. All das ist ausführlich im Internet nachzulesen. Isabel Neuberth fand es schon 2009 gut, dass „wir anstelle von Seminararbeiten unsere Ergebnisse für das Netz aufbereiten und so etwas Bleibendes präsentieren.“ So bleibt ein facettenreicher Todesfall von damals gewissermaßen lebendig.