Ein Dankeschön für die freundliche Aufnahme

Herdecke..  Mit verschränkten Armen sitzt Yusef K* da, gibt Auskunft über sein Leben mit diesen ganz unglaublichen Erfahrungen des Leidens und der Gewalt, und redet dann doch zunehmend auch mit dem Körper, mit den Händen, die seine Schilderungen begleiten. Er will zeigen, dass er dankbar ist, dankbar, als Mensch aus einem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land in Deutschland eine Zuflucht gefunden zu haben.

Fortschritte im Krankenbett

Mit einer Schwester, einem Bruder, dessen Frau und deren drei Kindern ist Yusef im Sommer nach Herdecke gekommen. Vor allem der Bruder ist der Grund, warum der 35-Jährige so weit weg von seiner Heimat ist. Der Bruder hat Splitter im Körper, war weitgehend gelähmt und hat nach der Behandlung im Ender Krankenhaus schon große Fortschritte gemacht. Ibrahim kann sich schon selbst vom Bett in den Rollstuhl bewegen und davon auf den Treppenlift, berichtet Barbara Degenhardt-Schumacher. Sie betreut für den Verein für Christliche Sozialarbeit und der wiederum für die Stadt Flüchtlinge in Herdecke.

Sechs Brüder und fünf Schwestern waren sie in ihrer Heimatstadt Homs, eine alteingesessene und – wie Sohn Yusef nicht ohne Stolz sagt – auch wohlhabende Familie. Der Krieg hat sie ruiniert. Und dezimiert. Der Vater ist tot, ebenso eine der Schwestern, zwei Brüder leben nicht mehr und der jüngste Neffe auch nicht mehr. Gerade mal sechs Monate alt konnte er werden.

Yusef K. hat ein Fotostudio betrieben, Hochzeiten fotografiert oder Gesichter. Und dann die Szenen des Krieges und der Flucht. Auf einem Laptop hat er die Aufnahmen mitgebracht. Der tragbare Computer ist das Geschenk eines guten Freundes aus dem Libanon, ebenso das Mobiltelefon, auf dem ebenfalls die schrecklichen Bombardierungen und die getöteten Menschen festgehalten sind. Nein, in Deutschland hat der Berufsfotograf noch nicht wieder auf den Auslöser gedrückt.

Worte sind stärker als Waffen

„Keiner kann sein Heimatland vergessen“, sagt er, und deshalb ist er in Kontakt mit den Freunden und der Familie in Syrien. Er wird angerufen, er schickt Nachrichten auf Whats­app. Und mit etwas Glück hat er auch bald verlässlich Internet in der Wohnung, die die Großfamilie mittlerweile in Herdecke beziehen konnte. Über das Internet kann er sich einmischen in die Auseinandersetzungen in der Heimat, und er tut das mit viel Hoffnung auf die Kraft der Worte: „Der Stift eines Journalisten ist stärker als eine Waffe“.

Wie viel Deutsch er versteht, ist nicht zu ergründen. Seine Antworten gehen an die Übersetzerin, die aus Marokko stammt und ins Deutsche übersetzt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Auch wenn alle Araber eine gemeinsame Hochsprache hätten, könne sich ein Tunesier oder Marokkaner nicht mit einem Syrer unterhalten, sagt sie in bestem Deutsch.

Zumindest die Kinder haben es unterdessen ein bisschen gelernt. Der Jüngste wartet zwar noch darauf, in den Kindergarten zu dürfen. „Aber seine Schwester zählt schon auf Deutsch“, strahlt Barbara Degenhardt-Schumacher. Sie hat es einfacher als ihr großer Bruder, sagt Yusef K. Sie hat seit Monaten einen festen Platz. Aber auch für den achtjährigen Erstgeborenen ist das Nomadenleben erst einmal vorbei. Bald schon dürfte auch sein Vater aus dem Krankenhaus entlassen sein. Nicht geheilt, aber gut behandelt und wieder ein Stück mehr Herr über den eigenen Körper und das eigene Leben. *Name geändert

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