Ein Akkordeon für spezielle Fälle

Herdecke..  Im Werner Richard Saal geriet das Publikum wieder einmal vor Begeisterung außer sich. Der junge Ungar Krisztián Palágyi (Best of NRW) stellte auf seinem Akkordeon mit Werken von Barock bis Postmoderne in gewandter Moderation die Aufführungs-Stärke seines Instruments vor. Bearbeitungsgegner gaben sich geschlagen. Sein Knopf-Akkordeon mit Knöpfen statt Tasten auf der linken Seite (farbige Perlmuttknöpfe ohne Löcher), durch Register in Tonhöhe und Lautstärke zu verändern, und kleinen schwarzen Knöpfen auf der rechten hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem „Schifferklavier“.

Tonbildung und -gestaltung durch die Balgführung hielten den jungen Mann ständig in Bewegung: Ein Ganzkörpermusiker. Die Partita c-Moll BWV 826 von Bach, ursprünglich eine „Klavierübung“, ließ das Publikum gebannt aufhorchen: Luftig leicht wurde in der Sinfonia das Andante interpretiert, spritzig keck das Capriccio. Polyphones Non stop Laufwerk in beiden Händen entsprach dem barocken Vorbild. „8´20‘‘ Chrono“ von Bruno Mantovani (*1974), eine Original-Komposition für Akkordeon, in genau dieser Zeitspanne zu spielen, demonstrierte alle nur möglichen Raffinessen: rasende Tonwiederholungen wurden durch schrille Akkorde unterbrochen, langsam aufgebaute Melodik durch grelle Blitze konterkariert; grabestiefe Begleitung erzeugte Gruselstimmung, gebundene Passagen kontrastierten mit zuckenden Einzeltönen.

Abstecher in die Romantik

„Revis Fairy Tale“, das Arrangement einer Ballettmusik von Alfred Schnittke (1934-1998) für Akkordeon, enthielt nach liedhaften Elementen auch Schrecksekunden im 1. Satz, besänftigte die Gemüter mit einem Walzer und brachte in der Polka russische Folkore-Elemente: langsamer Einstieg und rasante Temposteigerung. Vinko Globokar (*1934) komponierte einen genialen „Dialog über Luft“. Der Beginn mit einem Cluster, einem Rutscher der rechten Hand über alle Knöpfe, verkörperte ein Gesprächs-Desaster. Die Partner erwiesen sich als geschwätzig, kurze Einwände flogen hin und her, man fiel sich ins Wort. Schließlich mischte sich auch der Musiker mit erschrockenem Aufstöhnen ein: Tiefes Gestammel wechselte mit wildem Geklimper, dazwischen ein verständnisvolles „Oui“, schließlich zitterten Spieler und Instrument tonlos: Keine Luft mehr.

Nach einem Abstecher in die Romantik mit einer Schubert-Paraphrase von Liszt und ins 16. Jahrhundert mit Suiten-Sätzen von Rameau stellte Palágyi sein Lieblingsstück vor: „En avant – oú?“ (Vorwärts – wohin?) von Georg Katzer (*1935), dem eine Überlegung über die Entwicklung in Wissenschaft und Musik zugrunde liegt. Aus einsamen Einzeltönen entwickelte sich heftiges Getöse nach allen Seiten hin, schrill, schräg, suchend, in Clustern keine Lösung findend. Zarte Streicheleinheiten rissen ab, Tonhöhen verschoben sich minimal und glitten zurück, zittrige Klänge versanken in rhythmischer Tonlosigkeit: Eine trostlose Zukunft? Michail Glinka (1804-1857) ließ (in einer Bearbeitung von Balakirev) „The Lark“, die Lerche hoch aufjubeln. Die Carmen-Fantasie von Franz Waxman (1906-1967) mit den bekannten rassigen Zigeunerweisen war die Übertragung eines Violinkonzerts auf das Akkordeon. Das Publikum tobte noch mehr als sonst.

Mit drei Zugaben ging es auf die Reise nach Ungarn, Südamerika und Spanien.