Durch Whatsapp abgelenkt - Unfallopfer fordern Handyverbot

Dieser stabile Landrover rettete vermutlich einem Paar aus Herscheid das Leben. Eine 21-Jährige aus Dortmund starb dagegen bei dem schlimmen Verkehrsunfall am 17. Februar 2014 in Herdecke.
Dieser stabile Landrover rettete vermutlich einem Paar aus Herscheid das Leben. Eine 21-Jährige aus Dortmund starb dagegen bei dem schlimmen Verkehrsunfall am 17. Februar 2014 in Herdecke.
Foto: Susanne Schlenga
Was wir bereits wissen
Den Frontalzusammenstoß auf der B54 in Herdecke überlebte eine 21-Jährige im Februar nicht. Zehn Monate später äußern sich die anderen Unfallopfer.

Herdecke/Herscheid.. Ein einziger Moment, ein vermutlich fataler Fehlgriff mit unfassbaren Folgen: Bei einem Unfall in Herdecke auf der B54 starb in diesem Jahr eine erst 21-jährige Dortmunderin. Sie war mit ihrem Kleinwagen auf der Hagener Straße in den Gegenverkehr geraten und frontal in den Landrover eines Paares aus Herscheid gekracht.

Das sagt: „Wir sind froh, dass wir noch leben.“ Noch heute leiden die beiden damals Schwerverletzten an den Nachwirkungen, psychisch wie physisch. Und doch gilt es, das Geschehen aufzuarbeiten und Lehren daraus zu ziehen.

Leben völlig umgekrempelt

Der 17. Februar 2014. Rosemarie Fix und Hans Joachim Beck waren gegen 13.10 Uhr nach einer Behandlung im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke auf dem Weg nach Hause. An den Moment, als die 21-Jährige in ihren Landrover kracht, können sich die Herscheider nicht mehr erinnern. Retrograde Amnesie nennen Mediziner das.

Rosemarie Fix hat mittlerweile einige wenige Bilder von dem Unfall vor Augen. Ihr Lebensgefährte recherchiert im Nachgang und stößt sogar auf eine internationale Berichterstattung. „Für mich war zunächst wichtig, dass wir nicht schuld waren“, sagt Hans-Joachim Beck zehn Monate nach dem traumatischen Erlebnis.

Unfall Ein posttraumatisches Angstsyndrom verfolgt beide bis heute. Wobei die Liste der innerlichen und äußerlichen Verletzungen lang ist. Fix fühlt sich nach wie vor schnell schlapp, immer wieder hat sie trotz intensiver Behandlungen Schmerzen, ihr Gedächtnis macht ihr nach der fünfeinhalbstündigen Operation Kummer. Das Schlimmste aus ihrer Sicht: Womöglich hat die 59-Jährige ihren Geruchs- und Geschmackssinn verloren, dabei ist sie eine leidenschaftliche Köchin, die ihre Kräuter gern im eigenen Garten pflückt. „Der Unfall hat unser Leben völlig umgekrempelt und verändert.“

Auch Hans Joachim Beck ist seit der Tragödie auf der B54 krank geschrieben, kürzlich hat der 63-Jährige vorzeitig seine Rente eingereicht. Der Grabungs-Techniker hätte gerne weiter archäologisch für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gearbeitet, doch hat er in einer Hand seit dem 17. Februar kein richtiges Gefühl mehr. Hinzu kamen noch innere Blutungen und weitere Frakturen sowie eine mehrstündige Operation wegen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas. Zusätzliche Dramatik: „Unsere Tochter hat Beileidsbekundungen wegen des Todes ihrer Eltern erhalten, auch sie ist durch den Unfall ihrer Eltern traumatisiert.“

Neue Dimension durch vermutliche Unfallursache

Eine neue Dimension des Unfalls sei ihnen recht schnell nach dem Horror-Ereignis mitgeteilt worden. Die Vermutung, dass die junge Frau unmittelbar vor dem Zusammenstoß während der Fahrt wegen einer eingegangenen Whats-App-Nachricht nach ihrem Handy gegriffen und wohl daher ihren Kleinwagen in den Gegenverkehr gelenkt habe, sollte dann auch im April die Staatsanwaltschaft bzw. Polizei als wahrscheinlichste Ursache für den Frontalzusammenstoß veröffentlichen.

Unfall Noch heute bereitet das Autofahren Fix und Beck größere Probleme. Wohl wissend, dass ihr stabiler Landrover ihnen vermutlich das Leben gerettet hat, haben sie sich wieder ein ähnliches Gefährt angeschafft. Und aus der erhöhten Sitzposition sieht die 59-Jährige immer wieder, wie Verkehrsteilnehmer ihr Handy am Ohr oder in der Hand halten. Aufgrund der eigenen Erfahrung änderte sich ihre Einstellung zur modernen Lebenswirklichkeit: „Mich hat die Whats-App-Erklärung zusätzlich erschüttert. Für mich gehört das Benutzen von Handys während der Fahrt radikal verboten.“

Beck fordert dafür technische Entwicklungen. „Das Problem ist ja nicht nur in Deutschland bekannt, sondern etwa auch in den USA“, sagt der 63-Jährige mit Blick auf den Dokumentarfilm „From one second to the next“, in dem Regisseur Werner Herzog das folgenreiche SMS-Schreiben während der Autofahrt thematisiert. Zudem beobachtet Beck immer wieder Jugendliche, die beim Überqueren der Straße nicht mehr auf die Fahrbahn, sondern auf ihr Handy schauen.

„Ich bin kein Freund von Reglementierungen und Verboten, aber in dieser Hinsicht muss was passieren. Mir geht es um einen verantwortungsbewussten Umgang im Verkehr. Wer während des Fahrens nicht rechts ‘ranfährt und anhält, sollte das Handy einfach bimmeln lassen bzw. ignorieren.“

Polizei warnt vor Ablenkung durch ein Smartphone

Die Polizei im Ennepe-Ruhr-Kreis teilte auf Anfrage mit, dass ihre Ermittlungen zum tödlichen Unfall am 17. Februar 2014 auf der B54 in Herdecke abgeschlossen seien und auch keine neuen Erkenntnisse vorlägen.

Unfallrisiko Zudem teilt die Direktion Verkehr mit: „Grundsätzlich sind Unfälle, bei denen wir als Polizeibehörde davon ausgehen, dass es sich bei der Ursache um eine wie auch immer geartete Ablenkung (Mobiltelefone, Smartphone oder Zigarette) handelt, im Kreisgebiet vorhanden.“ Daher habe es auch im Jahr 2014 mehrfach Sondereinsätze gegeben, um dies zu sanktionieren. Dabei erhielten Fahrzeugführer 60 Euro Bußgeld und einen Punkt in Flensburg.

„Wir gehen in diesem Bereich von einer erheblichen Dunkelziffer aus“, heißt es weiter in der Stellungnahme der Direktion Verkehr. „Gerade die Ablenkung durch das Smartphone wird völlig unterschätzt. Schon bei der bloßen Aufnahme eines Smartphones während der Fahrt legt ein Fahrzeugführer mehrere Sekunden im Blindflug zurück, welche über Leben oder Tod entscheiden können.“