Die eigenen Potenziale erkennen

Wetter/Herdecke..  In der achten Klasse sind die Berufswünsche längst nicht mehr Feuerwehrmann, Baggerfahrer oder Reitlehrerin. Wenige Jahre vor dem Schulabschluss sind die meisten Schüler schon in der Realität angekommen und haben sich von den Kinderträumen verabschiedet. Und doch ist es schwer, mit 13 oder 14 Jahren zu erkennen, wohin denn der Weg in die Zukunft führen kann. „Die Berufswelt hat sich verändert, ist differenzierter geworden“, sagt Stephan Bulheller. Der Diplom-Psychologe hilft Schülern, ihre Potenziale zu erkennen.

Im Rahmen der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ führt er mit seinem Team von Human Factor Services unter anderem am Geschwister-Scholl-Gymnasium so genannte Potenzialanalysen durch. An insgesamt vier Tagen durchlaufen die Jungen und Mädchen ein breit gefächertes Testverfahren inklusive ausführlicher Beratung. Geboten wird eine Orientierung auf dem Weg zum Beruf. „Festgelegt wird noch gar nichts“, betont Stephan Bulheller.

Genau das ist eine der Sorgen, die Bulheller gemeinsam mit seiner Partnerin Nedina Ibrahimovic, ebenfalls Diplom-Psychologin, bei Vorbereitungsveranstaltungen den Eltern häufig nehmen muss. „Wir erheben keinen unabänderlichen Status, sondern geben einen Blick darauf, welche Stärken vorhanden sind und wo vielleicht noch Potenziale schlummern.“ Ziel ist, vor allem den Schülern eine differenzierte Rückmeldung zu geben, welche beruflichen Möglichkeiten sich mit Interessen und Fähigkeiten decken. „Die Kinder wissen oft gar nicht, was es alles gibt“, sagt Bulheller. Eine Berufsrichtung biete oft dutzende Felder, in denen man eine Ausbildung oder ein Studium anstreben könne. Und auch wenn es bei manchen Schülern schon früh einen Traumberuf gebe, „es ist immer gut, wenn man auch einen Plan B oder C hat, der sich mit den Interessen vereinbaren lässt.“

Schulnoten für die Interessen

Will ich Metall oder Holz bearbeiten, für eine Sache Werbung betreiben oder andere Menschen beraten? Fragen wie diese werden in dem Analysebogen, den die Schüler bekommen, gestellt. Antworten kann man abgestuft von 1 bis 5. Die Skala reicht dabei von „Das tue ich gerne.“ bis „Das interessiert mich nicht.“ Bevor der Analysetag, der einem Arbeitstag mit acht Stunden gleicht, beginnt, werden die Schüler ausführlich auf das Verfahren eingestimmt. „Sie sollen die Chance des Fragebogens erkennen“, sagt Bulheller und betont: „Niemand soll sich bei dem Verfahren unter Druck gesetzt fühlen.“

Nicht nur Fragen müssen beantwortet werden, im Rahmen des diagnostischen Verfahrens absolvieren die Jungen und Mädchen auch praktische Übungen, in denen zum Beispiel die Teamfähigkeit erprobt wird. In den Blick geraten außerdem die Arbeitsweise, das sprachliche Ausdrucksvermögen, logisches Verständnis oder strategisches Denken. Ein breites Themenfeld für Kinder, die sich selbst noch sehr weit weg vom Berufsleben wähnen. Und nicht in allen Bereichen des Tests schaffen es die Schüler, alle Fragen zu beantworten. Das ist gewollt. „Wir wollen niemanden überfordern und auch keine Konkurrenz anstacheln“, betonen die Psychologen, darum habe man manche Aufgaben so angelegt, dass sie nicht zu schaffen sind. „So lässt sich nicht vergleichen, wer besser oder wer schlechter war.“ Die Experten bekommen aber einen guten Eindruck von der jeweiligen Leistungsstärke. Oder auch Schwäche.

Gerade die Bereiche, in denen die Ergebnisse der Kinder vielleicht nicht zum Traumberuf passen, sind für die Analysten interessant. „Denn da können Schüler sehen, wo sie vielleicht noch mehr Kraft investieren müssen, um zum Ziel zu gelangen“, sagt Stephan Bulheller und sieht das ausführliche Gespräch, das mit den Kindern nach dem Diagnosetag geführt wird, als wichtigen Bestandteil der Potenzialanalyse. Ein Gespräch wird auch den Eltern angeboten, „die ja für die Zukunft ihrer Kinder ebenfalls Vorstellungen entwickeln.“

Keine Vorhersage

Wer nun allerdings erwartet, dass Stephan Bulheller und Nedina Ibrahimovic einem 13-Jährigen die Karriere als Arzt oder Ingenieur voraussagen, wird enttäuscht. „Ich kann nicht sagen, ob jemand ein guter Arzt wird“, sagt Bulheller. Aber grundlegende Voraussetzungen, die zur Erlangung eines Berufes nötig sind, würden geklärt. „Unsere Aussage ist nicht: Du kannst etwas, oder du kannst es nicht, sondern die Wege dorthin werden klarer.“