Der größte Schmerz, den man einer Mutter zufügen kann

Am 12. April 1945 war es dann auch so weit. Die ersten Amerikaner kamen in geduckter Haltung, vorsichtig nach rechts und links schauend, die MP im Anschlag, aus Richtung Harkortberg die Ardeystraße herunter. Es fanden keine Kämpfe in Wetter statt, weil man dort, auch bei der Behörde und in der Parteizentrale einsah, dass der Krieg für Deutschland verloren sei.

Am 13. April 1945 übergab Wetters Bürgermeister dem ranghöchsten amerikanischen Offizier auf dem „Türmchen“ der Burg Wetter den Rathausschlüssel und unterzeichnete dort die Kapitulationsurkunde. Somit war der Krieg in der Stadt Wetter zu Ende.

Ein friedlicher Frühlingstag

Es war der 14. April 1945, ein friedlicher Frühlingstag neigte sich seinem Ende zu.

Gertrud, die gerne Schneiderin werden wollte, hatte von der Tante Martha ein paar Läppchen, Nähnadeln und ein paar Reste Fäden geschenkt bekommen. Damit wollte sie dem Herbert ein Püppchen nähen. Sie saßen auf einem Kinderstühlchen vor dem Fenster, dass zur Trappenstraße führte. Herbert, den das ganze sehr beeindruckte, saß auf einer Fußbank vor seiner Schwester und sah dem ganzen Geschehen interessiert zu. Gerhard spielte mit einem Holzauto, welches der Onkel Rudolf für ihn gebastelt hatte.

„Mama, ich habe Hunger“, sagte Gertrud. Frieda entgegnete: „Mama geht schnell in den Keller Holz und Kohlen heraufholen, dann mache ich das Abendbrot.“ Als Frieda im Keller angekommen war, ergab sich ein ohrenbetäubender Knall. Sie wusste sofort, etwas schreckliches war passiert.

Als sie die Treppe herauf stürzte, kam ihr eine undurchdringliche schwarze, nach Schießpulver stinkende Staubwolke entgegen. Martha, die auch sehr schnell im Treppenflur war, hielt Frieda, die lauthals „meine Kinder, meine Kinder“ schrie, so feste in ihren Armen, dass diese sich nicht befreien und vorerst nicht das obere Stockwerk betreten konnte.

Rudolf, der Gott sei Dank zu Hause war, stürzte jedoch sofort die Treppe hinauf, um nach den Kindern zu suchen. Als erstes Kind trug er die Gertrud, die leblos über seinen Armen hing, die Treppe hinunter nach draußen. Sie hatte schwere Verletzungen am Kopf und ein blutendes Loch in der Bauchgegend. Rudolf legte Gertrud auf eine schnell herbei geholte Decke und stürzte sich wieder in die noch immer vorhandene Staubwolke hinein. Als zweites Kind brachte er den Gerhard herunter. Dieser schien unverletzt zu sein, jedoch war ihm durch den Luftdruck der im Dachstuhl eingeschlagenen Granate die Lunge geplatzt.

Frieda war wie von Sinnen

Nachdem Rudolf den Gerhard neben Gertrud abgelegt hatte, stürmte er noch einmal in die Trümmer, um auch noch den Herbert zu bergen. Herbert, der vor seiner Schwester gesessen hatte, blieb bis auf eine kleine Wunde am Kopf unverletzt, weil die Gertrud vom Luftdruck auf seinen Körper geschleudert worden war und ihn abdeckend geschützt hatte.

Frieda war wie von Sinnen und Schmerz und machte sich wahnsinnige Vorwürfe, weil sie nach Wetter gezogen waren. Sie wollte am liebsten alles ungeschehen machen, aber die Tatsache, dass ihre Kinder tot vor ihr lagen, holte sie wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Am 17. April 1945 wurden die Kinder, sieben und vier Jahre alt, sinnlos gestorben, weil ein paar unverbesserliche deutsche Soldaten in Volmarstein noch herumballern mussten, obwohl der Krieg in Wetter bereits zu Ende war, auf dem städtischen Friedhof in Wetter, in meinem Doppelgrab beigesetzt.

Um Jahre gealtert, wollte Frieda nicht mehr leben und wäre am liebsten aus dieser ungerechten Welt geschieden. Jedoch sagte sie sich auch wiederum, dass sie stark sein muss, weil sie ja noch den kleinen Herbert habe. Alles kann eine Mutter ertragen, den geliebten Ehemann verlieren, die Heimat mit Haus und Hausrat, alles kann man erdulden, auch wenn das schon sehr hart ist; aber Kinder zu verlieren, ist der größte Schmerz, den eine Mutter fühlen und den man einer Mutter zufügen kann.