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Den Schrecken vor Augen

08.06.2010 | 15:45 Uhr
Den Schrecken vor Augen
Dorothee Kuper mit einem Zeitungsartikel über Misshandlungen im benachbarten Johanna-Helenen-Heim

Wetter/Gevelsberg.Ein halbes Jahrhundert und mehr ist es her - und doch hat Dorothee Kuper die drei Jahre in der damaligen orthopädischen Klinik in Volmarstein buchstäblich vor Augen.

„Wenn ich malen könnte, würde ich die ganze Geschichte ins Bild bringen“, sagt sie. Eine Geschichte voller Erniedrigung, Bösartigkeit und erlittener Pein. Vor dem geistigen Auge der Gevelsbergerin läuft sie immer wieder ab. Besonders, seit sie die Berichte über die Misshandlungen im Johanna-Helenen-Heim gelesen hat. Heim wie Klinik gehörten zu der Einrichtung, die heute den Namen Evangelische Stiftung Volmarstein (ESV) trägt.

Ihr Bruder, der in Wengern wohnt, hat ihr alle Berichte über die schlimmen Zustände in dem Kinderheim der unmittelbaren Nachkriegszeit geschickt. „Abbitte für die Hölle von Volmarstein“ ist einer der ersten Artikel überschrieben, erschienen im August vor vier Jahren. Seitdem hat sich viel getan. Die ESV hat die dunklen Jahre von zwei Historikern erforschen lassen. Der Abschlussbericht liegt als Buch vor. Die Opfer von damals haben sich selbst organisiert und fühlen sich endlich ernst genommen mit ihren schrecklichen Erlebnissen. Und am Rande ist immer wieder mal auch die damalige orthopädische Klinik mit ins Blickfeld gekommen.

Dreieinhalb Jahre hat Dorothee Kuper hier gelegen. 28 bis 30 Kinder in einem einzigen großen Saal, erinnert sie sich. Kein Kind konnte aufstehen. Sie selbst war eingegipst bis über den Rippenbogen und mit einem Spreizgips an den Beinen. Bei ihr war er eine Virusinfektion im Gelenk. Andere Kinder hatten Schäden an der Wirbelsäule.

Tief berührt hat sie das Zeitungsbild von der Lehrerin, die vor eine Klasse mit Heimkindern steht. Weil es Verbindung hat zu dem, „was man mit Kindern gemacht hat, die ja doch behindert waren.“ Nicht nur im Johanna-Helenen-Heim, das Dorothee Kuper nur vom Hörensagen kennt. Denn Teile ihrer eigenen Geschichte lesen sich so, als stammten sie aus den Erfahrungsberichten, die einige Heimkinder von damals ins Internet gestellt haben.

Eine besondere Rolle spielen in der Klinik Handfeger aus Holz, bei der Bürste genommen und als Stock gebraucht. „Ganz besonders schlimm hatten es die Kinder, die wenig oder gar keinen Besuch hatten“, erinnert sich die Rentnerin. Sie selbst hatte Glück - Mutter und Vater kamen regelmäßig aus Albringhausen zu Besuch. Und doch hat auch Dorothee Kuper den Besen zu spüren bekommen. Bei einer Visite des damaligen Oberarztes Katthagen fand sich ein Riss in ihrem Verband, für den ihr keine Erklärung einfiel. „Da kam der gute Mann und schlug mir mit dem Holzstiel auf die einzige gipsfreie Stelle am Bein.“

Schläge, Gekeife und immer wieder böse Blicke - all das ist bei Dorothee Kuper noch gegenwärtig. Und wenn sie im Wohnzimmer ihrer Parterrewohnung von damals erzählt, werden die Bettenreihen fast so greifbar wie Schrankwand und Polstermöbel. Wach sind die Bilder in ihr, vorhanden aber auch noch alle Namen. Von der bösen Stationsschwester, den mitleidenden Kindern, aber auch von Ärzten und Pflegern, bei denen auch in schwerer Zeit die Fürsorge oberstes Gebot blieb.

Vor ein paar Jahren war Dorothee Kuper noch einmal auf dem Gelände der heutigen Evangelischen Stiftung Volmarstein. Ihr Bruder wurde in der Klinik, die längst in neuen Räumen untergebracht ist, stationär behandelt. Ein kleiner Spaziergang führte in die eigene Geschichte zurück. „Als ich aus dem Aufzug ausgestiegen bin, dachte ich, mir hält jemand den Hals zu.“

Sie ist vor dieser Geschichte nie ausgewichen, hat Mann und Freunden immer von dieser schweren Zeit berichtet. Und doch war die Beklommenheit groß nach diesem Ortsbesuch. Und heftig waren auch die Gefühle beim Lesen der Zeitungsberichte bis hin zu denen, in denen sich Kinder von damals an die Zustände speziell in der Klinik erinnern. „Ich bedaure, dass jetzt keiner mehr da ist, den man zur Rechenschaft ziehen kann“, sagt die nun 70-Jährige, „und sei es nur im Gespräch“.

Klaus Görzel

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Kommentare
09.06.2010
14:53
Den Schrecken vor Augen
von Morpheus6666 | #4

Die Holocaust-Leugnung ist in Deutschland inzwischen eine Straftat.
Ähnliches ist für die systematische Folter in
deutschen Heimen überfällig.

09.06.2010
08:55
Den Schrecken vor Augen
von MA | #3

Es ist immer wieder erstaunlich, dass Zeitungsredakteure Menschen verunglimpfen, in dem sie sich auf eine 50-Jahre zurückliegende Erinnerung einer einzelnen Person berufen, ohne die Gegenseite gehört zu haben, bzw. noch hören zu können. Der genannte Oberarzt hat eine der renommiertesten orthopädischen Kliniken der damaligen Zeit maßgeblich mit aufgebaut und sich Zeit seines Lebens für eine würdige Behandlung seiner behinderten und nicht behinderten Patienten eingesetzt und ist dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Ferner hat er unter Lebensgefahr, beim Brand der Klinik 1961, als der im Artikel genannte Saal vom Feuer eingeschlossen war, sich um das Überleben der Kinder persönlich gekümmert und sich selbst beim Versuch der Rettung seines eigenen Lebens beide Beine gebrochen.

09.06.2010
07:58
Den Schrecken vor Augen
von Otto99 | #2

Jeder Name eines Schwerverbrechers wird abgekürzt, aber in diesem Artikel wird der Oberarzt mit vollem Namen genannt, obwohl noch gar nichts erwiesen ist.

08.06.2010
22:59
Den Schrecken vor Augen
von Rampelmann | #1

http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2009/08/17/lokalzeit-dortmund-kinder-hoelle.xml

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