Das Schlusslicht im Ruhrgebiet

Hagen..  Es ist fast genau zwei Jahre her, da prophezeite der damalige Geschäftsführer der für Wirtschaftsförderung zuständigen Hagen-Agentur, Gerhard Schießer, im Gespräch mit unserer Zeitung: „In vier Jahren werden wir in Hagen kein Gewerbegebiet ohne Restriktionen mehr anbieten können.“ Schießer ist nicht mehr im Amt, seine Prophezeiung droht aber nun wahr zu werden. Sofort verfügbar sind nur noch 7 Hektar (1 Hektar = 10 000 Quadratmeter).

Das zeigt sich beim Blick auf eine Studie der Wirtschaftsförderung für die Metropole Ruhr (WMR). Das ist der schlechteste Wert aller kreisfreien Städte und Kreise im gesamten Ruhrgebiet. Das Problem mangelnder Gewerbeflächen, über das unsere Zeitung schon so oft geschrieben hat, wird noch deutlicher, wenn man auf Basis der Studie („Gewerbliches Flächenmanagement Ruhr“) auf die Nachbarn schaut.

Flächenpotenziale:

Im gesamten Ruhrgebiet ist die Zahl der potenziellen Gewerbeflächen, die in den kommenden 15 Jahren bebaut werden können, vom Jahr 2013 auf 2014 zurückgegangen – um gut 7,5 Prozent. In Hagen dagegen beträgt der Rückgang binnen eines Jahres gut 20 Prozent. Und das auf ohnehin äußerst niedrigem Niveau. Gute 38 Hektar standen 2014 zur Verfügung (2013: 48 Hektar). Zum Vergleich: im Ennepe-Ruhr-Kreis sind es 152 Hektar , im Kreis Unna 258 Hektar und in Dortmund 307 Hektar. In Hagens direkter Nachbarschaft gibt es also erheblich mehr Potenziale für Neuansiedlungen und Erweiterungen. Nur Mülheim bietet mit knapp 22 Hektar noch weniger.

Restriktionen:

Noch düsterer wird der Blick für Hagen, wenn man schaut, welche Flächen denn schnell erschlossen und bebaut werden können, welche also zumindest frei von schwerwiegenden Restriktionen sind – wie etwa Altlasten oder schwierige topographische Lagen. Von den ohnehin mageren 38 Hektar sind es gerade mal 14 Hektar – ohne jegliche Restriktionen sind sogar nur knapp 7 Hektar.

62,9 Prozent der Hagener Potenzialflächen sind dagegen, wie die Experten urteilen, „mit schwerwiegenden Restriktionen“ belegt, teils hätten sie „keine Entwicklungsperspektive“. Im gesamten Ruhrgebiet hat nur Bottrop mit 68 Prozent einen schlechteren Wert. Der Vergleich zu Hagens direkter Nachbarschaft zeigt wieder, wie groß die Konkurrenz ist: in Dortmund sind 39 Prozente der Flächen mit schwerwiegenden Restriktionen belegt, im Kreis Unna sind es nur 12 Prozent, im EN-Kreis knapp 31 Prozent. Warum ist in Hagen der Anteil an Flächen mit Restriktionen so groß? Der hohe Anteil an Industriebrachen ist dafür der Grund.

Entwicklungspotenzial:

Es gab ja durchaus Vermarktungserfolge: der Umzug von Burg nach Hagen und das neue Dörken-Werk sind nur zwei Beispiele. Doch das wird sich kaum wiederholen lassen. Auch das zeigen die Zahlen der Experten. Sie stellen die Flächen, die zwischen 2005 und 2013 neu für Gewerbe in Anspruch genommen wurden, den Flächen gegenüber, die aktuell ohne jegliche Restriktionen in den Kommunen vermarktet werden können. Ergebnis: Hagen hat binnen acht Jahren knapp 35 Hektar vorher unbebauter Gewerbeflächen neu vermarktet, es stehen aber aktuell nur knapp sieben Hektar ohne Restriktionen sofort zur Verfügung. Auch da steht die Nachbarschaft wieder besser da: So hat Dortmund binnen acht Jahren knapp 158 Hektar vermarktet, aber auch noch 132 Hektar sofort verfügbar in der Hinterhand. Im EN-Kreis wurden 66 Hektar vermarket, es gibt aber auch noch 70 Hektar. Im Kreis Unna wurden 191 Hektar vermarktet, weitere 148 Hektar sind sofort am Markt. Sprich: Hagen hat im gesamten Ruhrgebiet die schlechteste Chance, seien bisherigen Erfolge auch künftig zu erzielen.

Beschäftigung:

Gewerbegebiete binden viele Arbeitsplätze. Auch das zeigt der genaue Blick in die Studie. Hagen hat rund 62 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Knapp 45 Prozent davon arbeiten in Gewerbegebieten oder auf Sondernutzungsflächen. 55 Prozent sind im restlichen Stadtgebiet beschäftigt, darunter fallen große Dienstleistungs-Arbeitgeber wie etwa Stadt, Banken oder die Fernuni. Für die alte Industriestadt Hagen sind Arbeitsplätze in Gewerbegebieten also noch wichtiger als etwa in Dortmund, wo „nur“ 38 Prozent der Beschäftigten in den Gewerbegebieten arbeiten.