Aus Bürgern wurden Verfolgte und Entrechtete

Herdecke..  Es waren bewegende Momente, bewegender als beinahe alles andere im ablaufenden Jahr, als die Angehörigen der im Dritten Reich ermordeten jüdischen Bürger im November in Herdecke zu Gast waren. Anlass war die Einweihung der neuen Gedenktafel auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof an der Bahnhofstraße. Die Tafel soll dabei helfen, dass die Erinnerung an 19 Herdecker, deren Lebens- und Leidenslinie sich nachzeichnen lässt, nicht verblasst.

Aus den USA war Eva Lee angereist, die Nichte von Sally und Paula Grünewald. Vergleichsweise nah hatte es Barbara Samuel, Enkelin von Johanna Samuel. Aus Dortmund war sie zur Enthüllung der Gedenktafel gekommen und erfuhr ganz deutlich, dass sie „zu der Generation gehört, die ohne Großeltern aufwachsen musste“: Ihre Großmutter, geboren am 15. September 1879 in Herdecke, wurde mit ihrem Mann und ihrer 17-jährigen Tochter am 27. Januar 1942 von Dortmund nach Riga deportiert. Dann verliert sich ihre Spur.

Spurensucher in Herdecke war Willi Creutzenberg. „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann man feststellen, dass die Herdecker Juden integrierter Teil der Herdecker Gesellschaft geworden waren“, hat der Heimathistoriker herausgefunden. Am Beispiel von Moritz Blumenthal kann er das gut aufzeigen: 1853 geboren, war Blumenthal schon 1874 Kassierer beim TSV Herdecke, Jahrzehnte später dann Ehrenmitglied, von 1907 bis 1912 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. In den 20er Jahren wurde er Vorsitzender der Kampsträter Nachbarschaft und blieb es - bis er 1934 zum Verzicht gedrängt wurde.

Max Blumenthal, die Familie Bastheim, die Familie Marx, Henriette Katz, Sally und Paula Grünewald, Emilie Fischbach, die Familie Neugarten und Johanna Samuel - sie alle waren Bürger der Stadt und wurden Opfer der NS-Herrschaft, verschleppt, vertrieben, ermordet.

2013 war das Jahr des großen Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Das war genau 75 Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938, die eine neue Stufe der Judenverfolgung einleitete. Im Herbst 2014 hat Herdecke sich vertieft dieser Vergangenheit gestellt, um ihr auch in Zukunft nicht auszuweichen: Schülerinnen und Schüler haben in einer Gedenkveranstaltung die Schicksale der jüdischen Mitbürger vorgestellt, vor allem Schüler sollen jetzt den alten Friedhof als einen Ort erkunden, der mit einem schwierigen Stück Geschichte verbindet.

Ausrottung schlug fehl

Für Willi Creutzenberg ist es wichtig, dass mit der Errichtung der Gedenktafel auf dem alten jüdischen Friedhof die Stadt deutlich und sichtbar an das Schicksal ihrer ermordeten Bürger erinnert. Zu dieser Erinnerung zählt, dass es den Nazis trotz aller Verblendung nicht gelungen ist, die Juden auszurotten: „Hetti Schild, geborene Neugarten, aus Herdecke, und ihr Ehemann, die beide ermordet wurden, haben bis heute 152 Nachfahren, die vornehmlich in den USA, Kanada und Israel leben.“