Auf jene achten, die am Boden liegen

In diesem Jahr warb die Ruhrtriennale für ihr alljährliches Festival der Künste mit einem besonderen Plakat. Es war ein Bildnis des gekreuzigten Jesus, das man aber nicht an Wände hing, sondern auf dem Boden der Bahnhöfe in den Ruhrmetropolen platzierte. Und zwar so, dass Passanten zwangsläufig darüber gehen mussten. Prompt hagelte es Proteste von Gläubigen. Mit „Jesus-ist-kein-Fußabtreter“-Transparenten verhinderte man letztlich, dass die Leute weiterhin auf dem Gottessohn herumtrampeln können. Denn die Deutsche Bahn ließ die Motive wieder entfernen, ohne die Verantwortlichen der Ruhrtriennale zu informieren.


Wahrscheinlich hatte die DB Angst vor Imageverlust durch die Verletzung religiöser Gefühle. Das war eine pragmatische Entscheidung. Aber warum sind Christen darüber so empört? Ich hab lange darüber nachgedacht, wie ich dazu stehe.


Ich finde es in der Tat auch alarmierend, wenn Menschen in unserer Gesellschaft, die ohne die christliche Tradition überhaupt nicht denkbar wäre, wegen ihres Glaubens verhöhnt oder gar angegriffen werden. Ich finde es auch bedenklich, dass viele den Kontakt zu ihren spirituellen Wurzeln mehr und mehr verlieren, stattdessen aber unreflektiert neue Götter anbeten: wirtschaftliches Wachstum oder Gesundheit oder Freizeitgestaltung.


Es ist längst salonfähig, die Kirchen hart zu kritisieren. Wegen der Kirchensteuer zum Beispiel, von der immer noch fälschlicherweise behauptet wird, sie sei eine Steuer. Dabei ist sie nur ein Mitgliedsbeitrag. Oder gerne auch wegen menschlicher Fehler des Bodenpersonals. Die kommen vor. Aber gleich austreten? Da geht es dann auch um verletzte Gefühle.


Aber – war das hier der Punkt, bei dieser Plakatgeschichte? Ging es hier darum, unsere Gefühle als Christenmenschen zu schützen?


Ich würde es anders machen. Ich würde mithilfe dieser Plakataktion auf die Wurzel unseres Glaubens zeigen: Gott ist uns nahe in einem Menschen, auf dem ohne Ende herumgetrampelt wurde! Der verhöhnt, gefoltert und am Ende getötet wurde. Gott ist kein erhabener Herrscher, der uns wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. Gott hat sich auf die Erde gelegt und sich verletzen lassen, damit wir endlich kapieren, wie man Frieden, auch den inneren, eigenen Frieden findet: Nicht mit Gewalt, nicht mit der Verhöhnung von Religion, aber auch nicht mit der Pflege unserer verletzten religiösen Gefühle. Unsere Botschaft an die Welt lag da in den Bahnhöfen der Ruhr: Achtet auf die, die am Boden liegen und verletzt werden!