Achtklässler auf dem Weg in die berufliche Zukunft

Berufsfelderkundung steht ab 2018 für alle Achtklässler an. Hier geht es um Zahnreinigung.
Berufsfelderkundung steht ab 2018 für alle Achtklässler an. Hier geht es um Zahnreinigung.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Mit einer Potenzialanalyse und einer anschließenden Berufsfelderkundung soll Achtklässlern der Weg in eine berufliche Zukunft erleichtert werden. In Wetter werden noch Betriebe gesucht, die ihre Türen dafür öffnen.

Wetter/Herdecke..  150 Jungen und Mädchen suchen in Wetter einen Job. Zwar nur für zwei Mal sechs Stunden, doch sollte es schon ein ernst zu nehmender Beruf sein. Berufsfelderkundung heißt ein neues Instrument, mit dem Achtklässler erste Schritt hin zu einer Berufswahl machen sollen. Die Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ sieht vor, dass bis 2018 alle Achtklässler im Land drei dieser Berufsfelderkundungen absolvieren. Bislang nehmen noch nicht alle Schulen an dem Landesprogramm teil, doch muss die Kommunale Koordinierungsstelle, die bei der Agentur mark angesiedelt ist, bereits jetzt 1600 Schülerinnen und Schüler in Hagen und dem Ennepe-Ruhr-Kreis unterbringen.

Dem stehen 117 Unternehmen entgegen, die sich an der Initiative beteiligen und ihre Türen für den Nachwuchs öffnen. In Wetter und Herdecke sind es allerdings gerade einmal acht Firmen.

Kleine praktische Tätigkeiten

„Zu wenig“, sagt Silke Michaelis-Lichey, am Geschwister-Scholl-Gymnasium für das Thema Berufswahl zuständig. Man habe sich schon mit Unternehmen in Verbindung gesetzt, die auch schon Praktikanten aus dem 9. Jahrgang annehmen, doch sei das Thema Berufsfelderkundung bei vielen Unternehmen noch nicht angekommen.

Ganz ohne Aufwand ist so ein Schnupper-Tag für die Unternehmen nicht zu leisten. Schließlich kann ein Achtklässler nicht ohne weiteres in einen Betrieb integriert werden. Zwar sollen die Jungen und Mädchen auch „kleine praktische Tätigkeiten, die berufsfeldtypisch sind“, übernehmen dürfen, doch geht es im Wesentlichen darum, einen Arbeitsplatz im Grundsatz kennenzulernen. In den sechs Stunden, die ein solcher „Arbeitstag“ für die Kinder höchstens dauer darf, müssen sich also Ausbilder oder Mitarbeiter Zeit nehmen, um ihr Berufsbild darzustellen.

Dabei geht es nicht nur um Berufe, die über eine Ausbildung erlernt werden. Die Berufsfelderkundung soll den Schülern auch Einblick in Jobs geben, die ihnen nach einem Studium offen stehen. „Bei den Schülern sind durchaus auch akademische Berufe wie zum Beispiel Anwalt gefragt“, so die Erfahrung von Michaelis-Lichey.

In der Theorie sollen die Achtklässler drei Berufsfelder erkunden. Für das wettersche Gymnasium sind aber schon zwei Tage eine Herausforderung, zumal die Organisation des Praxistages weitgehend in der Hand der Lehrer liegt. „Das Thema Bewerben steht erst in der neunten Klasse an“, sagt Michaelis-Lichey, die aber davon überzeugt ist, dass der frühe Start in die Berufswelt sinnvoll ist. Die anfängliche Skepsis, ob 12- bis 14-Jährige sich schon mit einer späteren Karriere befassen sollten, ist der Erkenntnis gewichen, dass schon in der Schule Wege vorgezeichnet werden. „Mit der Differenzierung in den oberen Klassen müssen sich die Kinder früh mit möglichen Zielen auseinandersetzen“, so Michaelis-Lichey.

Potenzialanalyse vorgeschaltet

Bevor sich die Jungen und Mädchen aufmachen, einen Betrieb kennenzulernen, lernen sie ihre eigenen Stärken und Schwächen kennen. Mit der so genannten Potenzialanalyse, ebenfalls ein Instrument der Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“, werden in einem Testverfahren Talente und Fähigkeiten herausgearbeitet. Nicht, um einen Menschen früh auf eine bestimmte Richtung festzulegen, sondern um den Schülern Gelegenheit zu geben, sich in ihren Möglichkeiten realistisch einzuschätzen. „Man kann eine Schwäche in einem Bereich ja auch für die Erkenntnis nutzen, dass man auf diesem Feld noch mehr tun muss“, sagt Stephan Bulheller, der als Diplom-Psychologe am GSG die Potenzialanalyse für alle achten Klassen durchgeführt hat.

In der achten Klasse sind die Berufswünsche längst nicht mehr Feuerwehrmann, Baggerfahrer oder Reitlehrerin. Wenige Jahre vor dem Schulabschluss sind die meisten Schüler schon in der Realität angekommen und haben sich von den Kinderträumen verabschiedet. Und doch ist es schwer, mit 13 oder 14 Jahren zu erkennen, wohin denn der Weg in die Zukunft führen kann. „Die Berufswelt hat sich verändert, ist differenzierter geworden“, sagt Stephan Bulheller.

Im Rahmen der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ führt er mit seinem Team von Human Factor Services unter anderem am Geschwister-Scholl-Gymnasium so genannte Potenzialanalysen durch. An insgesamt vier Tagen durchlaufen die Jungen und Mädchen ein breit gefächertes Testverfahren inklusive ausführlicher Beratung. Geboten wird eine Orientierung auf dem Weg zum Beruf. „Festgelegt wird noch gar nichts“, betont Stephan Bulheller.

Genau das ist eine der Sorgen, die Bulheller gemeinsam mit seiner Partnerin Nedina Ibrahimovic, ebenfalls Diplom-Psychologin, bei Vorbereitungsveranstaltungen den Eltern häufig nehmen muss. „Wir erheben keinen unabänderlichen Status, sondern geben einen Blick darauf, welche Stärken vorhanden sind und wo vielleicht noch Potenziale schlummern.“ Ziel ist, vor allem den Schülern eine differenzierte Rückmeldung zu geben, welche beruflichen Möglichkeiten sich mit Interessen und Fähigkeiten decken. „Die Kinder wissen oft gar nicht, was es alles gibt“, sagt Bulheller. Eine Berufsrichtung biete oft dutzende Felder, in denen man eine Ausbildung oder ein Studium anstreben könne. Und auch wenn es bei manchen Schülern schon früh einen Traumberuf gebe, „es ist immer gut, wenn man auch einen Plan B oder C hat, der sich mit den Interessen vereinbaren lässt.“

Schulnoten für die Interessen

Will ich Metall oder Holz bearbeiten, für eine Sache Werbung betreiben oder andere Menschen beraten? Fragen wie diese werden in dem Analysebogen, den die Schüler bekommen, gestellt. Antworten kann man abgestuft von 1 bis 5. Die Skala reicht dabei von „Das tue ich gerne.“ bis „Das interessiert mich nicht.“ Bevor der Analysetag, der einem Arbeitstag mit acht Stunden gleicht, beginnt, werden die Schüler ausführlich auf das Verfahren eingestimmt. „Sie sollen die Chance des Fragebogens erkennen“, sagt Bulheller und betont: „Niemand soll sich bei dem Verfahren unter Druck gesetzt fühlen.“

Nicht nur Fragen müssen beantwortet werden, im Rahmen des diagnostischen Verfahrens absolvieren die Jungen und Mädchen auch praktische Übungen, in denen zum Beispiel die Teamfähigkeit erprobt wird. In den Blick geraten außerdem die Arbeitsweise, das sprachliche Ausdrucksvermögen, logisches Verständnis oder strategisches Denken. Ein breites Themenfeld für Kinder, die sich selbst noch sehr weit weg vom Berufsleben wähnen. Und nicht in allen Bereichen des Tests schaffen es die Schüler, alle Fragen zu beantworten. Das ist gewollt. „Wir wollen niemanden überfordern und auch keine Konkurrenz anstacheln“, betonen die Psychologen, darum habe man manche Aufgaben so angelegt, dass sie nicht zu schaffen sind. „So lässt sich nicht vergleichen, wer besser oder wer schlechter war.“ Die Experten bekommen aber einen guten Eindruck von der jeweiligen Leistungsstärke. Oder auch Schwäche.

Gerade die Bereiche, in denen die Ergebnisse der Kinder vielleicht nicht zum Traumberuf passen, sind für die Analysten interessant. „Denn da können Schüler sehen, wo sie vielleicht noch mehr Kraft investieren müssen, um zum Ziel zu gelangen“, sagt Stephan Bulheller und sieht das ausführliche Gespräch, das mit den Kindern nach dem Diagnosetag geführt wird, als wichtigen Bestandteil der Potenzialanalyse. Ein Gespräch wird auch den Eltern angeboten, „die ja für die Zukunft ihrer Kinder ebenfalls Vorstellungen entwickeln.“

Keine Vorhersage

Wer nun allerdings erwartet, dass Stephan Bulheller und Nedina Ibrahimovic einem 13-Jährigen die Karriere als Arzt oder Ingenieur voraussagen, wird enttäuscht. „Ich kann nicht sagen, ob jemand ein guter Arzt wird“, sagt Bulheller. Aber grundlegende Voraussetzungen, die zur Erlangung eines Berufes nötig sind, würden geklärt. „Unsere Aussage ist nicht: Du kannst etwas, oder du kannst es nicht, sondern die Wege dorthin werden klarer.“