Zwanzig Minuten unter Strom

Jascha Telaar und ich beim Fitness-Text. Diese Position nennt man Ruhestellung. Das schicke Outfit bekommt man im Studio. Ich werde privat wohl weiterhin darauf verzichten.
Jascha Telaar und ich beim Fitness-Text. Diese Position nennt man Ruhestellung. Das schicke Outfit bekommt man im Studio. Ich werde privat wohl weiterhin darauf verzichten.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Im Fitness-Studio Body Street wird mit Reizstrom trainiert. NRZ-Redakteurin Petra Kuiper hat’s ausprobiert. Ein Selbstversuch mit Muskelkater

Wesel..  Klarer Fall von Selbstüberschätzung. Fitness, habe ich getönt: Kein Problem, schließlich treibe ich ja Sport. Das habe ich nun davon. Es ist Viertel nach elf am Vormittag, und ich stehe mächtig unter Strom. Weil mir teuflisch warm ist, aber vor allem, weil mich Jascha aus Bocholt eingepfercht hat in diese verkabelte Weste nebst Manschetten, in die Elektroden alle paar Sekunden einige Ampere pressen. Nicht viel, aber genug, um mich in Wallung zu bringen. Derart verschnürt wird jede Bewegung zur Kraftanstrengung. Jascha zeigt die nächste Übung. Wir gehen tief in die Knie, Rücken grade, Arme nach vorn. Jascha umfasst meine Handgelenke. „Und jetzt auseinanderdrücken!“, ruft er. „Nur noch fünf Minuten!“

Wir befinden uns in Wesels neuem Fitnessstudio „Body Street“ gegenüber vom Bahnhof. Vor einigen Wochen haben Alexander Müller und Jascha Telaar hier eröffnet und freuen sich über regen Zulauf. Die Idee, die sie verkaufen, ist neu in der Stadt. Trainiert wird mit Reizstrom. EMS heißt das Verfahren, wobei EMS für Elektromuskelstimulation steht. Auch Astronautik und Sportmedizin sollen es sich zu Nutzen machen.

Soweit die Theorie...

Jascha erklärt. Unsere Muskeln werden auch im normalen Alltag durch bioelektrische Impulse stimuliert. Dieser Effekt wird hier durch Reize von außen verstärkt, führt so zu einer intensiveren Muskelkontraktion. Der Muskel, sagt Jascha, kann ja nicht unterscheiden, ob der Reiz von innen oder außen kommt. Vorteil für den Körper: Die Gelenke machen Pause, die Muskulatur wird schonend aufgebaut. Vorteil für den Sportler: 20 Minuten Training wöchentlich reichen. „Alles andere wäre zuviel, weil die Muskulatur sich regenerieren muss.“

Soweit die Theorie. Mir ist mulmig. Jascha beruhigt mich. Die Stromzufuhr ist so gering, dass sie die Organe niemals erreichen kann. Die Sache ist also denkbar ungefährlich. Ich schaue mich um. Mir fällt auf, wie klein das Studio ist. Es hat Wohnzimmermaße, so dass man quasi im Schaufenster trainiert - zwei Geräte mit Displays, ein Empfang - hinten Umkleiden, Dusche, Toiletten, das war’s. Rund 250 Mitglieder können die vier Bodystreet-Trainer hier insgesamt betreuen. Ich zähle also zu einem exklusiven Kreis.

Man hat einen Kasten für mich vorbereitet, auf dem mein Name steht. Doch zunächst fragt mich Jascha nach Beschwerden oder Erkrankungen. Ich verneine. Das mache die Sache leichter, sagt Jascha. Denn trainieren kann grundsätzlich jeder: „Neulich hatte ich eine 86-Jährige Frau hier: kein Problem.“ Entsprechend motiviert gehe ich mich umziehen. In dem Kasten finde ich meine Sportklamotten, die das Studio zur Verfügung stellt. Ein enges schwarzes Oberteil, eine ebenso enge kniekurze Hose, tragbar für Menschen ab 1,80 unter 55 Kilo. Auf mich trifft beides nicht zu. Ich sehe albern aus.

Der Fotokollege ist nett. Er verkneift sich das Grinsen. Jascha schnürt mich in eine Weste, die er zuvor mit Wasser besprüht. Damit der Strom besser leitet. Um Oberarme, Oberschenkel und Hüfte werden Manschetten geschnallt, überall sitzen Elektroden. Jascha verkabelt mich mit dem Fitnessgerät. Blaues Licht steht für Anspannung, heißt: Strom kommt. Grünes Licht bedeutet Ruhephase. Ich soll die Übungen nachmachen, die Jascha zeigt und zwar immer beginnend mit dem Blaulicht. Nach und nach wird der Level erhöht. Na gut. Auf geht’s.

Jede Menge Muskelkater

Ich fühle mich, als steckte ich in einer statisch aufgeladenen Wurstpelle. Es vibriert, die Stromwelle kommt, die Weste zieht sich zu. Ich muss dagegenhalten, indem ich die Muskulatur anspanne. Ich verpasse die Ruhephase, werde von der nächsten Welle überrascht. Die Weste wird immer enger. Vermutlich leuchte ich im Dunkeln. Jascha hat kein Mitleid. Er hat Sportwissenschaften studiert und ist fit wie ein Turnschuh, außerdem ist er unverkabelt. Die nächste Übung. Ich will keine Muskeln mehr.

Nach dem Training bin ich fix und fertig. Ich schwitze fürchterlich. Zugegebenermaßen gehöre ich eher zur Yoga-Fraktion. Muss ich irgendwie verdrängt haben. Ich trinke ein Glas Wasser. Jascha muntert mich auf. Viele scheinen sich am Anfang nicht sehr pfiffig anzustellen, nachher haben sie den Bogen schnell heraus. Er erzählt von Erfolgen. Ein Lkw-Fahrer wurde seine Dauerkopfschmerzen los, weil Verspannungen gelockert wurden. Ein anderer Kunde hat keine Rückenschmerzen mehr. Andere freuen sich über eine deutliche Gewichtsreduzierung. 515 Kilokalorien sollen in 20 Minuten EMS-Training verbrennen.

Mir egal. Müde schleiche ich aus der Muckibude. Am nächsten Tag habe ich Muskelkater. Seltsam: Ich fühle mich, als sei ich irgendwie schmaler geworden, straffer. Meine Familie sagt, ich spinne. Muss am Strom liegen.

Unter Tel. 0281 147 999 59 kann ein Probetraining vereinbart werden. Infos/Gutscheine im Internet unter www.bodystreet.com