Zu Fuß zurück nach Hause

Ohne das beherzte Handeln seiner Mutter wäre er im Keller vielleicht erstickt, sagt Hans Groos.
Ohne das beherzte Handeln seiner Mutter wäre er im Keller vielleicht erstickt, sagt Hans Groos.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Hans Groos erlebte die Angriffe auf Wesel im Februar 1945 als neunjähriger Junge im Keller seines Wohnhauses.

Wesel..  „Das Schlimmste war der Staub.“ Hans Groos erinnert sich noch genau daran, wie er die Angriffe auf seine Heimatstadt im Februar 1945 erlebt hat. Mit seiner Mutter und seiner jüngeren Schwester fand der damals Neunjährige Schutz im Keller eines ehemaligen Hotels an der Sandstraße. Mitte der 30 Jahre hatte das Hotel seinen Betrieb eingestellt, die Zimmer waren als kleine Wohnungen an Bürger vermietet. 18 Familien lebten in dem Gebäude, unter anderem auch Familie Groos. „Als der Alarm ging, haben wir uns mit etwa 50 Personen im Keller des Hauses getroffen“, erinnert sich Hans Groos. „Und dann kam die Angst.“

Anfangs habe es noch Licht gegeben und der Volksempfänger sei gelaufen. „Da haben wir dann gehört, was wir längst wussten: Es gibt massive Angriffe auf Wesel.“ Die Leute um ihn herum hätten gebetet und geschrien, erinnert sich Hans Groos. „Wir hörten ein furchtbares Rumoren, der Boden bebte.“ Das Schlimmste aber, wiederholt der heute 79-Jährige, das Schlimmste sei der Staub gewesen, der die Treppe herunter in den Keller gefallen kam. „Glücklicherweise stand dort ein Wasserkübel“, erzählt der Weseler. „Die Mütter haben Tücher nass gemacht und uns Kindern vor Mund und Nase gehalten, damit wir atmen konnten. Wer weiß, vielleicht wären wir sonst erstickt.“

Wie lang die Menschen in dem Keller hockten, das weiß Hans Groos nicht mehr. „Da verliert man jedes Gefühl für Zeit.“ Irgendwann aber sei ein deutscher Soldat gekommen und habe gesagt, es müssten alle schnell raus. „Das war aber gar nicht so einfach“, erinnert der Weseler sich. „Es gab noch ein kleines Loch, durch das wird durch konnten. Da lagen aber überall Blindgänger, über die wir drüber steigen mussten.“

Wie viele andere Weseler auch fand Familie Groos Zuflucht in Diepholz. Nach mehreren Monaten habe man sich dort mit anderen Niederrheinern zusammengesetzt und überlegt, was zu tun sei. „Wir beschlossen, zu Fuß zurück nach Hause zu gehen.“ Neuneinhalb Tage wanderte die Gruppe. „Und was da unterwegs passiert ist, kann ich bis heute kaum glauben“, sagt der 79-Jährige. In Münster kamen den Weselern Radfahrer entgegen, die in Richtung Diepholz unterwegs waren. „Einer hatte einen Brief für meine Mutter dabei. Auf gut Glück hatte mein Großvater ihm diesen mitgegeben.“ Die Familie solle nach Hause kommen, stand in dem Brief. Der Vater sei aus der Kriegsgefangenschaft gekommen. Gezeichnet mit „Bürgermeister Jean Groos“. Während die Familie in Diepholz war, war der Großvater in Wesel von der Militärregierung zum Bürgermeister ernannt worden.