Zu Besuch beim Ziegler

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Schermbeck..  Der Ziegler steht mitten im Leben. Die mannshohe Bronzeskulptur wird hier vor dem Eingang der Sparkasse seit 20 Jahren von allen gesehen, die über Schermbecks Einkaufsstraße spazieren. Das ist so, wenn Kunst oder Kunsthandwerk ihren Platz im öffentlichen Raum haben. Mit allen Vor- und Nachteilen. Zu Letzteren gehören das angebissene Nutellabrot und die Zigarettenkippe, die auf der Schubkarre neben den Ziegeln abgelegt wurden. „Tja, Kulturbanausen gehören leider dazu“, sagt Guido Löchteken und klopft dem stummen Zeitzeugen fast freundschaftlich auf die in Bronze gegossene Handwerkerkluft.

Ein Stück Wirtschaftsgeschichte

So nah wie heute war der Raesfelder Bildhauer und Steinmetzmeister dem Schermbecker Ziegler schon lange nicht mehr. „Sonst fahre ich hier höchstens mal mit dem Auto vorbei.“ Diesmal hat Guido Löchteken mehr Zeit eingeplant und sogar ein Fotoalbum mit der Aufschrift „Bronzeskulpturen aus unserer Werkstatt“ mitgebracht. Darin sind alte Aufnahmen von der Entstehung der drei Werke, die Schermbeck im Rahmen der Umgestaltung des Ortskernes bestellt hatte. Auch, weil es für die Kunst im öffentlichen Raum damals Geld vom Land NRW gab, wie Friedhelm Koch von der Gemeinde erzählt. Für die Figuren Ziegler und Töpfer (vor der Volksbank), die Schermbecks Wirtschaftsgeschichte repräsentieren und eine Brunnenscheibe mit der Silhouette der Gemeinde (in Rathausnähe an der Mittelstraße) haben sich die Lokalpolitiker Anfang der 90er Jahre entschieden.

„Ob man das heute noch mal so machen würde, ist eine andere Frage“, sagt der Bildhauer und schaut dem Ziegler ins realistisch geformte Gesicht. „Ich mache auch gerne Abstraktes.“ Aber die Schermbecker hatten sich genau diese Figuren gewünscht und Guido Löchteken war vor 20 Jahren sehr dankbar, dass er an dem spannenden Auftrag mitarbeiten durfte. „Es war mein Vater, der damals den mit Abstand größten Löwenanteil geleistet hat“, sagt der Junior. Am liebsten würde er ganz im Hintergrund bleiben, aber da sein Vater Ferdi Löchteken 2002 gestorben ist und er gemeinsam mit ihm an dem Auftrag aus Schermbeck gearbeitet hatte, lässt er uns an seinen Erinnerungen teilhaben.

An den Wochenenden, abends, manchmal auch nachts haben die Löchtekens an den Skulpturen gearbeitet. Denn das Tagesgeschäft rund um die Grabmalgestaltung musste für sie weiterlaufen. „Allein von solchen Aufträgen wie dem aus Schermbeck können Sie nicht leben.“ Viele, viele, viele Stunden haben sie mit Ziegler und Töpfer verbracht. „Wenn Sie einmal ein Angebot abgegeben haben, dann dürfen Sie die Stunden nicht mehr zählen.“

An eine Anekdote kann sich der 52-Jährige noch besonders gut erinnern. Als es endlich so weit war und sie eine Gießerei in Süddeutschland mit guten Konditionen gefunden hatten, da wollten sich Vater und Sohn zur Belohnung einen schönen Tag in Ulm gönnen. Guido Löchteken tippt mit dem Finger auf die Dachpfannen aus Bronze, die der Ziegler auf einer Karre schiebt und die 15 Kilo pro Stück wiegen. „Wir wollten nur kurz die Original-Ziegel, die wir geliehen hatten, in die Gießerei bringen und auf dem Wagen anordnen.“ Pustekuchen! Aus Ulm wurde nichts. „Wir haben das bestimmt 30-mal auf und abgebaut, bis es uns endlich richtig gut gefallen hat.“

Eines ist Guido Löchteken im Zusammenhang mit „Kunst im öffentlichen Raum“ übrigens noch wichtig. „Ich bin kein Künstler!“ Darauf reagiert er allergisch, weil sich so jeder nennen kann. „Ich bin Bildhauer und Steinmetzmeister.“ Genau wie Vater Ferdi.