Worte, die er nie vergessen konnte

Ein Foto vom Großen Markt. Carlo Buschmanns Mutter gehört zu den Tänzerinnen.
Ein Foto vom Großen Markt. Carlo Buschmanns Mutter gehört zu den Tänzerinnen.
Foto: WAZ FotoPool
Carlo Buschmann (76) erlebte die Angriffe auf Wesel als kleiner Junge in einem Bunker. Ein Gebet ist ihm im Gedächtnis geblieben.

Wesel..  Die Worte haben sich regelrecht in ihn eingebrannt. Vergessen hat er sie nie. Es sind Worte der Angst und der Verzweiflung, aber auch die einer leisen Hoffnung und des Glaubens. Gesprochen von Menschen, die in einem Keller Schutz suchten, während die Bomben auf Wesel fielen. 70 Jahre ist das nun her. Carlo Buschmann war damals noch ein Kind, keine sieben Jahre alt. Doch auch heute, mit 76, kann er das Gebet noch auswendig, das die Menschen um ihn herum im Schutzkeller immer und immer wieder sagten:

Hilf, Maria, es ist Zeit.

Hilf, Mutter der Barmherzigkeit.

Du bist mächtig, uns aus Nöten

und Gefahren zu erretten.

Denn wo Menschen Hilfe bricht,

mangelt doch die deine nicht.

Nein, du kannst das heiße Fle-
hen

deiner Kinder nicht verschmä-
hen.

Zeige, dass du Mutter bist,

wo die Not am größten ist.

Hilf, Maria, es ist Zeit.

hilf, Mutter der Barmherzigkeit.

Im privaten Keller des Direktors des ehemaligen Jungen-Gymnasiums am Herzogenring hörte Carlo Buschmann dieses Gebet. Dort fanden er, seine Mutter und seine zwei Geschwister am 16. Februar 1945 Schutz, als ihre Heimatstadt zerbombt wurde. Und nicht nur die Worte der Erwachsenen um ihn herum, sondern auch weitere Eindrücke sind in Carlo Buschmann noch lebendig. Wenn der 76-Jährige davon erzählt, fühlt man sich fast selbst in den Schutzbunker versetzt. „Das Pfeifen der Bomben werde ich nie vergessen“, sagt der freundliche Mann, der mit seiner Frau in Blumenkamp lebt. „Ein langgezogenes schrilles Huiiiiiiii und dann ein Krachen beim Einschlag.“ Die Wände hätten gewackelt, der Boden gebebt. „Und man war nach jedem Einschlag froh, dass man noch lebte.“

Mörtel auf der Zunge

Eine schwere Eisentür nach draußen habe der Bunker gehabt, erzählt Carlo Buschmann weiter. Durch die Explosionen habe sich die Tür geöffnet, sei durch den Luftzug immer wieder aufgesprungen und zugeknallt. „Dazu dieser Schwefelgeschmack und Mörtel auf der Zunge.“ Seine Mutter habe sich mit ganzer Körperkraft an die Tür gehängt, bis sie wieder richtig schloss.

Eineinhalb, vielleicht zwei Stunden verbrachten die Menschen in dem Keller des Direktors - dann wurde es draußen langsam wieder ruhiger an diesem hellen frühlingshaften Tag im Februar 1945. „Irgendwann öffneten wir die Türen, und was wir da sahen, war einfach grausam.“ Direkt neben dem privaten Bunker sei ein öffentlicher gewesen, erinnert sich Carlo Buschmann. Um die 100 Menschen hätten dort Schutz gesucht – aber nicht gefunden: Der Bunker wurde getroffen. „Überall lagen regungslose Körper, man hat uns Kinder schnell hindurch geführt, damit wir nicht so viel davon mitbekamen.“ Draußen sei ihm als erstes das damalige Landratsamt aufgefallen, das dort stand, wo auch heute das Kreishaus steht. „Es stand hell in Flammen – ein einprägendes Bild.“

Das Haus seiner Familie am Grafenring sei zwar nicht völlig zerstört worden, berichtet Carlo Buschmann. „Dort konnten wir trotzdem nicht hin, es wurden ja noch weitere Angriffe erwartet.“ Die Familie kam zunächst in eine Notunterkunft an der Nordstraße, dann mit dem Bus nach Schermbeck und über Schienen weiter nach Heiligenkirchen bei Detmold. Dort stieß auch Carlo Buschmanns Vater nach Kriegsende wieder zu seinen Lieben. „Von Weitem sahen wir einen Soldaten die Anhöhe hochkommen“, erinnert er sich an das Wiedersehen. „Wir hatten zunächst furchtbare Angst, bis wir endlich den Vater erkannten.“

Zurück nach Wesel kam die Familie Ende 1945. „Eine schlimme Zeit war das“, erinnert sich Carlo Buschmann. „Wir hatten kaum zu essen und mussten jeden Tag vom Haus der Tante am Nordglacis zur Mühlenwegschule laufen. Es war so furchtbar kalt, dass wir in unseren kurzen Hosen Erfrierungen an den Oberschenkeln davon trugen.“ Gegessen habe man Steckrüben aus dem gefrorenen Boden.

Für ihn persönlich wurde die Nachkriegszeit noch schlimmer, denn beim Spielen mit einer der Loren, mit denen der Schutt aus der Stadt geschafft wurde, verletzte sich Carlo Buschmann schwer, lag anschließend monatelang im Krankenhaus und war lange Zeit beinahe bewegungsunfähig. „Ich musste in die Schule gebracht und an meinen Platz getragen werden“, erinnert er sich. „Und Kinder können grausam sein. Das war für mich eine ganz persönliche schlimme Kriegsfolge.“

Mittlerweile sei er mit seinen schlimmen Erlebnissen versöhnt, sagt der 76-Jährige. Darüber zu reden, fällt ihm aber auch 70 Jahre danach noch nicht leicht. Und auch bestimmte Geräusche rufen immer wieder Erinnerungen in ihm hervor. „Das Heulen von Sirenen“, sagt er, „das kann ich nur ganz schwer ertragen. Dann kommt sofort wieder eine furchtbare Angst in mir hoch.“

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