Wo die Uhren anders gehen

Die Jungs vom Vortrommlerstammtisch in Aktion: Am Ende werden sie ihre Stöcke verbrennen.
Die Jungs vom Vortrommlerstammtisch in Aktion: Am Ende werden sie ihre Stöcke verbrennen.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Es ist Vor Kilian in Schermbeck – seit Jahrhunderten erinnern Trommler an das traditionelle Schützenfest.

Schermbeck..  Es soll ja Menschen geben, die behaupten, die Gemeinde Schermbeck habe ihre eigene Zeitrechnung – Vor Kilian, Kilian und Nach Kilian. Für diese Theorie sind Michael Beltermann und seine Jungs ein gutes Beispiel. Wenn sie unterwegs sind, ist Vor Kilian. Seit Mitte Juni zieht der Vortrommlerstammtisch TBA, was soviel heißt wie „Tsching-BummAida“, sonntagsabends durch die Gemeinde, um an das kommende Schützenfest zu erinnern. In diesem Jahr feiert er das 20. Jubiläum.

Geld zusammenhalten

Es ist Vor Kilian. Jeden Sonntag wird die Gaststätte Schermbecker Mitte an der Mittelstraße zum Treffpunkt. Punkt 18 Uhr stehen sie dort bereit, die zehn Männer der Kilian-Schützengilde 1602, die den Vortrommlerstammtisch bilden, darunter Offiziere und Vorstände, aber auch Blaublüter wie Bernd Holtmann, Schützenkönig der Schermbecker Kiliangilde und Florian Anschütz, Schützenkönig des Schützenvereins Bricht. Von hier aus geht es gemeinsam durch den Ort, vorbei an den wichtigsten Herren der Gilde.

Dahinter verbirgt sich eine jahrhundertealte Tradition, verrät Chef-Trommler Michael Beltermann, Reckenführer und musikalischer Leiter der Mannen. Aufgabe der ursprünglich zwei Vortrommler war es von jeher, die Menschen vier Wochen vor dem Schützenfest daran zu erinnern, ihr Geld zusammenzuhalten, damit sie auch tüchtig feiern können. Beltermann selbst war schon als Steppke in den 70ern im Namen Kilians unterwegs. Als Mitglied des Kindertambourkorps zog er mit einem zweiten Jungen als Vortrommler durch Schermbeck. Später schlief die Tradition irgendwann ein. Dass sie heute wieder besteht, hängt mit Hans-Bernd Doernemann zusammen, dem mittlerweile verstorbenen Wirt der Schermbecker Mitte. Als ein Freundeskreis aus vier, fünf Schermbeckern vor 20 Jahren beschloss, die Tradition des Vortrommelns wieder aufleben zu lassen, sprang er als Unterstützer ein. Die Männer waren guten Mutes. Trommeln indes besaßen sie nicht. Doernemann ließ sich nicht lumpen und kaufte ihnen die Instrumente, die pro Stück 150 bis 200 D-Mark kosteten.

Seit Mitte der 90er ziehen die Männer nun wieder los. Beltermann spricht stolz von einem „kleinen Spielmannszug“. Der Umzug startet an den vier Sonntagen vor dem Kiliansfest, in der letzten Woche sind die Vortrommler allabendlich unterwegs. Neben den Spielmannszugtrommeln gibt es Pauken, Becken und ein Repertoire aus vier Märschen, aus „Preussens Gloria“, „Waidmannsheil“, „Lieben-Marsch“ und „Marcha de la vida“ – letzterer stand auch für „Tsching-BummAida“, den Namen des Vortrommlerstammtischs, Pate. Beltermann grinst: „Aus La Vida wurde irgendwann spaßeshalber Aida. Wenn jemand ‘Aida’ ruft, wissen wir, was gemeint ist.“ Unterwegs statten die Männer Vorstandsmitgliedern und Ehrenschützen einen Besuch ab. Bisweilen gibt es auch spontane Einladungen zum Bier.

Schluss mit lustig ist am 10. Juli. Dann haben die Musiker ihren Job erledigt. Am Donnerstagabend vor dem großen Schützenfest, werden die Trommelstöcke feierlich vor der Schermbecker Mitte verbrannt. Dann beginnt Kilian, der nächste Schritt der Schermbecker Zeitrechnung. Man wird sehen.