Wildgänse in Wesel gezählt

Die Gänse wurde gezählt.
Die Gänse wurde gezählt.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Einmal im Monat werden weltweit Gänse und Wasservögel gezählt. Von September bis April ist das auch in Wesel der Fall.

Wesel..  Wer von Büderich über Perrich und Werrich Richtung Xanten fährt, kommt an ihnen automatisch vorbei. Denn überall sitzen sie und futtern, baden oder trinken nach einem üppigen Mahl: Gänse über Gänse. Jetzt wurden sie und die hier lebenden Wasservögel wieder gezählt. Johan Mooij, Geschäftsführer der Biologischen Station im Kreis Wesel und Gänsefachmann, legte wie an jedem Montag in der Mitte eines Monats zwischen September und April 200 Kilometer mit seinem grünen Geländewagen zurück. Stop and go - stoppen und anfahren. Denn nur so ist es möglich, sich einen Überblick zu verschaffen. Allein im auf einer Karte eingetragenen Zählbereich 60 kamen 3700 Weißwangen- und 650 Blessgänse zusammen. Dabei wandern Mooijs Augen ganz gezielt über die Vogelschar, die er gruppenweise zusammenfasst. Ist die Ansammlung klein, nimmt er Zehnergruppen ins Visier, sonst deutlich größere. Der Mann hat natürlich Routine. Früher zählte er die Gänse am Niederrhein ganz allein. Bei der immer größer gewordenen Anzahl wäre das heute aber gar nicht mehr möglich. In seinem Gebiet links des Rheins zwischen den Bundesstraßen 58 und 67, das auch einen kleinen Teil des Kreises Kleve umfasst, war er neun Stunden unterwegs. Fünf weitere Mitarbeiter der Biologischen Station im Kreis Wesel sowie drei, vier Ehrenamtliche zählten zeitgleich in den anderen Bereichen.

Die Familie bleibt zusammen

Doch nicht nur hier wird die Anzahl der unterschiedlichen Gänsearten in Listen erfasst, nein, dies ist weltweit der Fall. Denn nur durch solche Stichtagszählungen können verlässliche Bestandsentwicklungen erfasst werden. Da müssen die Augen gut geschult sein, schließlich wird bei den Gänsen teils sogar zwischen alten und jungen Tieren unterschieden. Die gesammelten Daten landen zunächst bei der regionalen Koordination für den Niederrhein, dann beim Dachverband Deutscher Avifaunisten in Münster und am Ende bei der internationalen Koordinationsstelle im niederländischen Ede, Wetlands International. Anhand der Daten werden Empfehlungen für Naturschutz, Bejagung und Rote-Liste-Arten ausgesprochen. Internationale Konventionen entstehen so.

Johan Mooij liebt seine Gänse und kennt viele ihrer Eigenarten. Zum Beispiel die, dass sie stets im Familienverband unterwegs sind. Gerade fliegt ein Elternpaar mit seinen beiden Jungen vorbei. Sie müssen noch viel lernen. Zum Beispiel, was gefressen werden darf und was nicht oder wo Gefahren lauern. Allein ist der Nachwuchs verloren, sagt Mooij. Er hat keine Chance, zu überleben. Besonders bewegt es den Naturschützer, wenn er plötzlich eine von ihm in der Tundra beringte Gans am Niederrhein wieder entdeckt. „Damals hatte ich das Tier auf dem Schoß und plötzlich ist es hier“, sagt der 65-Jährige fast ein wenig gerührt. Eine Gans, die 1990 den Ring von ihm erhielt, hatte er schon aufgegeben. Regelmäßig war sie immer erschienen, dann nicht mehr. Doch plötzlich tauchte sie wieder auf. „Sie lebt noch immer“, freut sich Mooij und zeigt während der Fahrt mit dem grünen Jeep auf eine Ansammlung von Rostgänsen. Die meisten von ihnen schlafen, andere sitzen etwas unschlüssig neben dem großen Silagehaufen. Dort befindet sich ihre Nahrungsquelle. Begonnen hat übrigens alles mit 30 Rostgänsen nahe der Weseler Rheinbrücke. Mittlerweile gibt es mehrere 100 Exemplare im Kreis Wesel. Sie brüten am Niederrhein und in der Schweiz und fliegen zur Mauser ans Ijsselmeer.

Ukraine-Konflikt

Eine Lücke in die Zahlenkolonnen der Naturschützer reißt übrigens der Konflikt in der Ukraine, zumal auf der Krim viele Gänse zu finden sind. Deshalb wird die Zeit bis zur nächsten Zählung mit einer statistischen Methode überbrückt, sagt Mooij, der es im Winter lieber ein bisschen kälter hätte, eine trockene Kälte aber. „Doch für die Gänse ist es gut“, weiß er und freut sich an ihrem lauten Geschnatter, wenn sie davonfliegen.