Wesels eigener Weg in die Reformation

Wesel..  In diesem Jahr feiert die Evangelische Kirchengemeinde Wesel ein stolzes Jubiläum. Genau 475 Jahre lang gibt es nun die Reformation am Niederrhein. Zu diesem Anlass ist es den Organisatoren der Jubiläumsfeiern gelungen, mit Professorin Ute Mennecke eine anerkannte Kennerin der Kirchengeschichte für einen Vortrag im Willibrordi-Dom zu gewinnen. Für die bekannte Theologin war es ihr erster Auftritt in der Kreisstadt. „Ich bin bisher über Düsseldorf noch nicht hinaus gekommen“, bekannte sie schmunzelnd. Die rund 100 Interessenten, die an diesem Abend gekommen waren, brauchten ihr Erscheinen nicht zu bereuen. Äußerst kurzweilig und mit viel Sachverstand ordnete die gebürtige Braunschweigerin, die als Professorin an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Bonn beschäftigt ist, die Anfänge der Reformation in Wesel in den Rahmen der gesamten Kirchen-Entwicklung des Rheinlands ein. „Reformation bedeutet, die Dinge wieder in ihren ursprünglichen, alten, gottgewollten und von Christus eingesetzten Zustand zu versetzen“, erläuterte Professorin Mennecke, bevor sie auf die lokalen Ereignisse damals in Wesel einging. Es entpuppte sich schnell als ein wirklich spannendes Kapitel in der Weseler Stadtgeschichte, da die evangelische Gemeinde eine durchaus außergewöhnliche Entstehungsgeschichte aufweist. Sie entstand nämlich damals gegen das geltende Reichsrecht in einem rein katholischen Herrschaftsgebiet. Kein Wunder also, dass diese Entwicklung gut sieben Jahrzehnte brauchte. Als Geburtstag der evangelischen Kirche in der Kreisstadt gilt der erste Ostertag 1540. Noch vor dem Tod von Anton von Fürstenberg, Pfarrer der Altstadtkirche St. Willibrordi, hatte der damalige Stadtrat den Kaplan Iman Ortzen zu seiner Vertretung angestellt und war auch für seine Besoldung aus der Stadtkasse aufgekommen. Iman Ortzen war ehemaliger Augustiner und stand einer Kirchenreform daher aufgeschlossen gegenüber. Dabei konnte er sich der Unterstützung einer Mehrheit im Stadtrat der Hansestadt sicher sein, die bekanntlich zum norddeutschen Kulturraum zählte. Die Entwicklung nahm nun ihren Lauf, so Mennecke weiter. Auf Grund einer Initiative aus der Bürgerschaft wurde Ostern 1540, genauer gesagt am 28. März, in der Altstadtkirche mit Genehmigung von Herzog Wilhelm des Reichen erstmals ein evangelischer Gottesdienst gefeiert. Es war Wesels Startschuss für seinen eigenständigen Weg der Reformation und somit die Geburt der Evangelischen Kirchengemeinde.

Zwar wurde 1548 Wesels Reformation für einige Jahre von außen noch einmal unterbrochen als Kaiser Karl V die Wiedereinführung des katholischen Gottesdienstes anordnete, aber seit 1555 wurde im Augsburger Religionsfrieden dann das lutherische Bekenntnis endgültig anerkannt. Auf Grund verschiedener Migrationen, der Gebietsreform und der Säkularisierung beträgt heute der evangelische Bevölkerungsanteil in Wesel circa 35 Prozent.